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volodymyr hryshchenko
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Die 19jährige Yasmina Mark hat für ihre Maturaarbeit über persönliche Adoptionserfahrungen am Zürcher Gymnasium Rämibühl von der Theologischen Hochschule Chur den ersten Preis erhalten. Ihre Kernaussage in der folgenden Zusammenfassung lautet: Adoption ist ein Glück, aber auch eine schwere Belastung. 

Als ich zehn Jahre alt war, habe ich eine Zeichnung von meiner Bauchmama und mir gemalt. Wir hielten uns an den Händen und lächelten. Sie hatte die gleichen Locken wie ich und war wie ich eher klein. Ich stellte mir vor, dass sie ganz leicht nach Vanille roch, denn das war mein Lieblingsduft zu dieser Zeit. Ihre Hände waren sanft und warm. Ihr Gesicht sah genauso aus wie meines, nur mit mehr Falten. Ihre Gesichtskonturen waren klar hervorgehoben und ihre Nase war wie meine stupsig. Ihre Unterlippe war wie meine heller als ihre Oberlippe. Genau wie meine Augen, waren ihre so dunkel, dass man ihre Pupillen nur im Licht sah, aber dann funkelten sie.  

So beschrieb mein jüngeres Ich den inneren Wunsch, meine leibliche Mutter zu finden. Meine Sicht auf die eigene Geschichte hat sich über die Jahre ständig neu verändert. Mit zehn Jahren kam das erste Mal die Sehnsucht in mir hoch, Wurzelsuche zu betreiben. Von einer Reise nach Äthiopien erhoffte ich mir, die Lücke der Unwissenheit über die ersten fünf Monate meines Lebens und über den Stammbaum meiner leiblichen Eltern zu füllen. Es ist schwierig zu sagen, welche Beweggründe mich damals getrieben haben, eine Herkunftssuche zu starten. Ich vermute, dass vor allem die Zufallskomponente einer Adoption mich interessiert hat. Damit meine ich, dass mein Leben theoretisch in ganz verschiedene Richtungen hätte laufen können. Ich könnte heute immer noch in Äthiopien und wahrscheinlich auf mich allein gestellt sein. Gerade so gut könnte ich auch von einer anderen Familie adoptiert worden sein und darum vielleicht in einem anderen Land mit einer anderen Sprache leben. Mir ist damals aufgefallen, dass alle meine Theorien den gleichen Ursprung hatten – und zwar in Äthiopien. Für mich erschien es also nur logisch, den Wendepunkt meiner Geschichte zu besuchen, denn meine Vergangenheit und die meiner biologischen Eltern waren schon gewesen und es lag an mir, diese herauszufinden. Leider gab es wie bei vielen anderen Adoptivfamilien, die Herkunftssuche betreiben, keinerlei Anhaltspunkte. Die damalige Enttäuschung und Trauer haben sich acht Jahre später in neutrale Akzeptanz gewandelt. Heute blicke ich auf meine Geschichte positiv gestimmt zurück, auch wenn ich nicht ausschliessen möchte, eine erneute Herkunftssuche zu starten.  

Mit fünf Monaten bin ich aus Äthiopien adoptiert worden und seither lebe ich in der Schweiz. Meine Geschichte hat mich jeweils unterschiedlich stark beschäftigt, aber war immer ein Teil von mir. Als Adoptivkind merke ich im Alltag oft, wie wenig Wissen mein Umfeld zu diesem Thema hat.   

Für meine Maturaarbeit hatte ich mir drei Forschungsfragen überlegt, auf die ich eingehen wollte. Da bei einer Adoption die Herkunft im Zentrum steht, habe ich die Frage formuliert «Wie spricht man als Adoptiveltern mit dem Adoptivkind über seine Herkunft?» Die Sicht auf die eigene Adoption kann bei jedem Adoptivkind komplett verschieden ausfallen und sich entsprechend in der Jugend verändern. Mit meiner zweiten Frage «Wie verändert sich die Sicht von Adoptivkindern auf ihre Adoption mit dem Erwachsenwerden?» wollte ich herausfinden, ob es überhaupt einen Perspektivwechsel beim Älterwerden gibt und ob die Jugendlichen den Wunsch haben, Herkunftssuche bei Identitätslücken zu betreiben. Als schwarze Frau in der Schweiz habe ich schon einige rassistische Vorfälle erlebt. Unterstützung bekam ich dabei unter anderem von meinen Adoptiveltern. Mit meiner letzten Forschungsfrage «Wie unterstützt man als weisse Adoptiveltern sein Kind bei Alltagsrassismus?» wollte ich untersuchen, welche Art von Unterstützung sich die Jugendlichen wünschen und wie die Eltern diese jeweils umsetzen. 

Mir war wichtig, dass nicht nur meine eigene Geschichte in die Maturarbeit einfloss, sondern vielseitige Perspektiven. Deshalb führte ich Interviews mit mehreren Adoptivfamilien und mit zwei Fachpersonen. Die Kinder waren im Alter von 14 bis 21. Mit Gesprächen von 40 bis fast 180 Minuten erhielt ich Einblicke in Familien und deren Geschichten. Bei den zwei Hauptthemen Adoption und Rassismus habe ich jeweils die Ebene der Adoptivkinder mit der Ebene der Eltern verglichen, um so klar eine Gegenüberstellung der Perspektiven aufzeigen zu können.  

Die Herkunftssuche 
Im Alter von etwa zehn Jahren habe ich das erste Mal einen starken Drang verspürt, mehr über meine Adoption in Erfahrung zu bringen. Bei einem Grossteil der Adoptierten ist ihre Geschichte vor der Ankunft im Kinderheim unklar und Informationen über die Identitäten der biologischen Eltern sind nur selten vorhanden. Weil die Jugendlichen mir gegenüber offen über ihre Adoption sprachen, konnte ich herausfinden, wie sie mit möglichen Identitätslücken umgehen. Entgegen meinen Erwartungen waren sie den meisten befragten Adoptivkindern gleichgültig. Für sie hat ihr Leben in der Schweiz begonnen und der Wunsch, die leiblichen Eltern ausfindig zu machen, kam kaum auf. Nur wenige Jugendliche erwähnten, dass auch sie schon einmal den Wunsch hatten, mehr über ihre Vergangenheit nachzuforschen. Sie erhofften sich durch eine Herkunftssuche, die Lücke in ihrem Innern zu füllen. Jedoch gelang das nur einem der befragten Adoptivkinder. 

Auch wenn bei einer Herkunftssuche das Wohlergehen des Kindes im Vordergrund steht, sind die Adoptiveltern emotional davon betroffen. In den Gesprächen mit ihnen fand ich heraus, wie nah ihnen dieses Thema wirklich geht. Den meisten macht der Gedanke an eine Wurzelsuche keine Angst und sie gehen neutral damit um. Verlustängste um ihr Kind bei einem Wiedertreffen mit der biologischen Familie haben die Adoptiveltern nicht, denn sie wissen, dass sie kein Besitzrecht an ihrem Adoptivkind haben. Klar ist, dass diese nachvollziehbaren Ängste neben einer liebevoll geprägten Beziehung dennoch koexistieren können. Nur ein Elternpaar offenbarte, dass etwas Eifersucht aufkam, als ihr Kind immerzu von den biologischen Eltern sprach. Solche Gefühle kommen gar nicht so selten vor, denn viele stellen sich einen kleinen Konkurrenzkampf zwischen den biologischen und Adoptiveltern vor. Dies ist aber kein Grund zur Beunruhigung, sofern diese Emotionen nicht überhandnehmen. 

Betroffen von Rassismus 
Das Thema Rassismus spielte eine bedeutende Rolle in meiner Arbeit. So vertiefte ich mit Adoptiveltern, wie sie ihr Kind bei Alltagsrassismus unterstützen. Dabei habe ich erfahren, dass nicht alle Kinder das Bedürfnis hatten, mit ihren Eltern darüber zu sprechen. Für die Eltern war dann die logische Schlussfolgerung, dass Rassismus für ihr Kind kein grosses Problem darstellt. Erst als Jugendliche haben die Adoptierten das Gespräch gesucht, was in manchen Fällen zu Meinungsverschiedenheiten geführt hat. Aus den Interviews mit den Adoptivkindern habe ich erfahren, welche Unterstützung sie sich von ihren Eltern wünschen. Da sie im Gegensatz zu ihren Eltern regelmässig Rassismus erleben, sind sie gezwungenermassen darauf sensibilisiert worden, Ungerechtigkeiten zu erkennen. Dies oft schneller als ihre Eltern. Nicht die Frage zählt, ob eine Situation wirklich rassistische Hintergründe hat, sondern warum es zu negativen Gefühlen kommt. Es besteht nämlich ein höheres Sensorium, Ungerechtigkeit wahrzunehmen. Da besteht ein Bedürfnis, darüber mit den Adoptiveltern sprechen zu können.  

Bevor ich mich dazu entschieden habe, meine Maturaarbeit über Adoption zu schreiben, hatte ich Bedenken, was dies in mir auslösen könnte. Ich hatte befürchtet, dass die Gespräche mit den Adoptivfamilien vielleicht zu intensiv werden könnten. Rückblickend war es die richtige Wahl, ich hätte mir kein besseres Thema auswählen können. Nicht nur hatte ich die Möglichkeit, bei anderen Adoptivfamilien Einblicke zu bekommen, sondern wurde dadurch auch angeregt, meine Familie klarer zu definieren. Eine Familie ist schon lange nicht mehr an ein bestimmtes Bild gebunden. Ob die Familie aus einem alleinerziehenden Vater und seiner Tochter besteht, eine riesige Patchworkfamilie abbildet, eine Regenbogenfamilie verkörpert, eine WG-Familie zeigt, die Freunde fürs Leben bedeutet, oder eine Adoptivfamilie darstellt, spielt keine Rolle. Egal in welcher Form Familie zu einem kommt, sie ist immer ein Geschenk.

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