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Ohne politische Interventionen wird der Antibiotikaverbrauch in den elf grossen Fleisch-Erzeugerstaaten bis 2030 weiter zunehmen. Das grosse Problem dabei: Die Erreger in Menschen und Tieren können dadurch gegen Antibiotika resistent werden. 

Reinhild Benning

Die weltweite Krise infolge der Covid-19-Pandemie zeigt, wie gefährlich es wird, wenn wirksame Medikamente für kranke Menschen fehlen. Eine ähnlich globale Gesundheitskrise, an deren Folgen schon heute jedes Jahr 700 000 Menschen sterben, haben Resistenzen gegen Antibiotika ausgelöst. Immer öfter ist die Wirkung dieser Medikamente gegen Bakterien eingeschränkt, weil sie übermässig und falsch angewendet wurden und die Krankheitserreger widerstandsfähig geworden sind. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) weist seit Jahren darauf hin, dass diese Resistenzen sich immer weiter ausbreiten würden. Umso schwerer wiegt, dass 73 Prozent aller weltweit verkauften Antibiotika für Tiere genutzt werden und nicht für kranke Menschen. Weltweit wächst der Anteil der industriellen Tierhaltung mit routinemässigem Antibiotikaeinsatz. Marktanalysen für Pharmaunternehmen zeigen, dass der Weltmarkt für Tierarzneimittel in den vergangenen Jahren um fünf bis sechs Prozent jährlich gewachsen ist. Wenn Regierungen nicht regulierend eingreifen, erwartet die Wissenschaft einen Anstieg des Antibiotikaverbrauchs bei Nutztieren um 67 Prozent bis 2030 im Vergleich zu 2010.

Es brodelt in den Ställen
Bakterien passen sich fortlaufend an. Sie entwickeln Resistenzgene, die sie auch artübergreifend an andere Bakterien weitergeben können. Besonders problematisch ist das bei Zoonosen – also Erregern, die sowohl Tiere als auch Menschen besiedeln und daher Resistenzen aus dem Tierreich auf den menschlichen Körper übertragen können. Resistenzen in Tierhaltungen nehmen in vielen Ländern seit der Jahrtausendwende deutlich zu. An erster Stelle stehen derzeit Nordostchina und Nordostindien, aber auch die Zahlen in Brasilien und Kenia steigen schnell. Die WHO warnt, dass eine übermässige und missbräuchliche Verwendung von Antibiotika bei Nutztieren die Handlungsfähigkeit der Humanmedizin zunehmend bedrohe. Denn in der Tierhaltung werden die Bakterien gegen die Antibiotika resistent, die bei Menschen regelmässig zur Behandlung von Infektionskrankheiten eingesetzt werden. Besonders problematisch ist der Einsatz von sogenannten Reserveantibiotika. Der WHO zufolge sollen diese Notfall- Antibiotika dem Menschen vorbehalten sein, wenn andere Antibiotika nicht mehr wirken. Laut EU-Behörden aber steigt ihr Einsatz in der Tierhaltung in einigen EU-Ländern weiter an. Fachleute weltweit, auch in der EU, drängen darauf, diese Mittel bei Lebensmittel-Tieren zu verbieten. Einer Studie der Organisation Germanwatch zufolge fanden sich auf 51 Prozent der Hähnchenfleischproben führender europäischer Geflügelkonzerne aus fünf EU-Ländern Krankheitserreger mit Antibiotikaresistenzen. Auf 35 Prozent der Laborproben waren es sogar Erreger, die gegen Reserveantibiotika resistent sind. Die Krankheitserreger können also auch diese letzten Mittel unwirksam machen. Das Fleisch der Geflügelkonzerne schleppt die resistenten Krankheitserreger in die Lebensmittelkette ein – bis in die Küchen der Verbraucherinnen und Verbraucher. Menschen können multiresistente Erreger bei der Zubereitung und beim Verzehr des rohen Fleisches aufnehmen. Die resistenten Keime können schwere Infektionen auslösen, gegen die kaum noch ein Antibiotikum wirkt. Besonders häufig sind die Beschäftigten in Ställen und Schlachthöfen, Tierärzte und  -ärztinnen sowie Menschen in Regionen mit höherer Tierdichte von resistenten Erregern befallen. In Ställen ist die Gefahr mehr als 100 Mal so hoch wie in demselben Umfeld ohne Tierkontakt. Zu den miserablen Arbeitsbedingungen für Beschäftigte in Schlachthöfen, die im Zuge der Corona-Krise offenbar geworden sind, kommen also noch überdurchschnittliche Gesundheitsbelastungen durch resistente Erreger.

Der freie Markt kennt keine Zukunft
Seit 2007 ist keine neue Antibiotikaklasse gegen Infektionen bei Menschen und Tieren auf den Markt gekommen. Es gibt also keine neuen Wirkungsmechanismen oder Wirkstoffe. Im Gegenteil: Der Patentschutz für viele Antibiotika ist ausgelaufen, und die Medikamente sind für wenig Geld verfügbar. Aus unternehmerischer Sicht lohnt es sich nur, Reserveantibiotika und neue Antibiotika zu erforschen und herzustellen, wenn davon möglichst viel verbraucht wird. Die Marktlogik widerspricht daher dem Ziel, die Wirksamkeit der vorhandenen Mittel möglichst lange zu erhalten, indem man sie nur im Notfall einsetzt. Antibiotika senken die Kosten der Tierproduktion auf vielfältige Weise. Sie können Missstände bei Hygiene, Haltung und Betreuung des Viehs kurzfristig überdecken und verursachen dennoch nur ein bis drei Prozent der gesamten Erzeugungskosten. In einigen Ländern, darunter auch Brasilien, ist ihr Einsatz zur Leistungssteigerung erlaubt. Die Tiere verwerten ihr Futter besser und nehmen schneller zu; in der Europäischen Union ist diese Anwendung verboten. Human- und Veterinärärztinnen und -ärzte sowie Verbraucherschutz- und Umweltverbände weltweit fordern bessere Tierschutzgesetze, ein Verbot der Reserveantibiotika im Stall und hohe Abgaben auf andere Antibiotika, damit Tierschutz mit möglichst wenig Antibiotika für die Landwirtschaft attraktiver wird.
 

 

Auszug aus dem Fleischatlas der Heinrich-Böll-Stiftung. 

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