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Achtsamkeitsimpuls
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Achtsamkeitsimpuls

Missbrauch hat viele Gesichter: In nettem Beisammensein kann es leicht zum Vortäuschen nicht vorhandener Gefühle kommen, um besser dazustehen. Diese Heucheleien gehen auf Kosten jener, die Gehör schenken und Anteil nehmen. 

von Anton Ladner 

R. moderiert einmal in der Woche eine Sendung im Fernsehen der Romandie. Mit Auftritten ist er vertraut, und das merkt man auch schnell. Zur späten Stunde stösst er bei einem Medienevent im Ausland auf eine Gruppe von Kolleginnen und Kollegen für ein Bier. Bald erzählt R. von seinem Landkauf in Mexiko, wo er ganz einfach und naturverbunden leben wolle, nicht heute, aber bald irgendwann. Denn die kapitalistische Welt mache nicht glücklich, erklärt er. Es gehe doch darum, sein Bewusstsein zu erweitern, seine Glücksebene zu finden, was mit der Konsumwelt einfach nicht vereinbar sei. Deshalb meide er auch die sozialen Medien, mit dieser Welt habe er nichts am Hut. Dass ein 25-Jähriger schon bei dieser Reife angelangt ist, beeindruckt.

Später kommt es im Hotel zwischen R. und einer 35-jährigen Kollegin aus der Bierrunde auf deren Zimmer zu einem Abenteuer. Am anderen Tag erzählt sie, dass ihr R. – nicht vorher, sondern danach – eröffnet habe, eine Freundin zu haben. Sie sei auch im Hotel, in einem Zimmer zwei Etagen höher. Er sei mit ihr bereits vier Jahre zusammen, obwohl sie 40 Jahre alt sei. «Ich bin immer wieder erstaunt, wie daneben junge Männer sein können. Mir tut seine Freundin leid», sagt sie. 

Der Auftritt von R. auf Instagram – ja, R. hat ein selbstgefälliges Instagram-Profil − vermittelt jedoch ein anderes Bild. Seine Freundin ist ebenso jung wie er. In einem Kurzvideo lacht sie glücklich, während er ein Aston-Martin-Cabriolet steuert. Daneben steht: «Am Sonntag hole ich gerne meinen dicken Schlitten raus und gehe gemütlich spazieren fahren.» Das klingt schon naturverbunden, einfach auf eine andere Art. Bei R. gestaltet sich die Realität nämlich ziemlich gegenteilig von dem, wie er sich beim netten Beisammensein dargestellt hat. Wenn man das danach erfährt, fühlt man sich etwas missbraucht. Selbstdarsteller gab es schon immer, heute sind sie aber rasch enttarnt, weil sie in ihrer Unbedarftheit in Löcher fallen, die sie selber ausgehoben haben. Was hat das mit emotionaler Selbstfürsorge zu tun? Viel. Denn Heuchler sollte man ab einem gewissen Punkt mit kritischen Gegenfragen von der Bühne drängen und sie mit Nachfragen aus dem Märchenmodus holen. Dann verlassen sie (hoffentlich) bald die Runde, was den emotionalen Schaden begrenzt.  

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