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Ein Datenleck bei der Credit Suisse enthüllte Geschäfte mit Autokraten und Kriminellen. Ein Whistleblower hatte die Daten von mehr als 30 000 Kontoinhabern einem Recherchenetzwerk zugespielt. Eine Studie zeigt, dass solche Vorfälle die Geschäfte mit Steueroasen generell stören. Beim Datenleck bei der Credit Suisse geht es also um mehr als um die von Skandalen arg geschwächte Bank. 

von Christa Manta 

 

Whistleblower entwenden vertrauliche Informationen, um strafbare Handlungen wie Steuerhinterziehung zu enthüllen. Dafür gelten sie mitunter als «Helden unserer Zeit», so etwa Alfred de Zayas, ehemaliger UN-Sonderberichterstatter für die Förderung einer demokratischen und gerechten internationalen Ordnung. Diese positive Sicht auf die Enthüller impliziert, dass Whistleblowing nicht nur Anstoss für Sanktionen gegen einzelne Kriminelle gibt, sondern dass das Offenlegen unerwünschten Verhaltens auch integres Verhalten fördert. Die empirischen Resultate von Niels Johannesen, Professor an der Universität Kopenhagen, und Tim Stolper, ehemaliger wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Steuerrecht und Öffentliche Finanzen, stützen diese Hypothese.

Für ihre Analyse untersuchten Johannesen und Stolper die Entwicklung in der Schweiz – der weltweit grösste Finanzplatz für die grenzüberschreitende Vermögensverwaltung. Die Ökonomen beobachteten, wie die Aktienkurse von Schweizer Banken, die in Offshore-Steuerhinterziehungsgeschäfte verstrickt waren, auf insgesamt 13 öffentlich bekannt gewordene Datenlecks reagierten. Die Haupterkenntnis der Ökonomen speist sich aus Analysen zur sogenannten Liechtensteiner Steueraffäre – das erste bekannt gewordene Datenleck einer in Steueroasengeschäfte verstrickten Bank. Ein Mitarbeiter der Liechtensteiner LGT-Bank hatte Kundendaten kopiert und sie später an den deutschen Bundesnachrichtendienst verkauft. 

Aktienkurs als Spiegel
Die Untersuchung von Johannesen und Stolper ergab, dass sich die Aktienkurse von Schweizer Steuerhinterziehungs-Banken in den zehn Handelstagen vor dem LGT-Leak unauffällig verhielten. In den ersten beiden Tagen nach den Enthüllungen fielen die Kurse jedoch marktbereinigt um 1,1 Prozent; in den vier darauffolgenden Tagen um insgesamt 2,2 Prozent und damit statistisch signifikant. Banken, die halfen, Geld vor den Finanzbehörden zu verheimlichen, mussten offensichtlich durch das Datenleck aus der LGT-Bank eine deutliche Senkung der Gewinnerwartungen hinnehmen.

Entsprechend der Theorie effizienter Finanzmärkte, wie sie Wirtschaftsnobelpreisträger Eugene Fama aufgestellt hat, reflektieren die Aktienkurse stets die verfügbaren Informationen und spiegeln den Nettobarwert der erwarteten zukünftigen Gewinne wider. Sie steigen, wenn es neue positive Informationen über zukünftige Gewinne gibt, und fallen, wenn neue negative Informationen auftauchen. Wendet man diese Theorie auf die Befunde von Johannesen und Stolper an, lässt sich also ein Rückgang der Aktienkurse genau zu dem Zeitpunkt des Datenlecks dahingehend interpretieren, dass die Finanzmärkte einen Rückgang der zukünftigen Gewinne aus kriminellen Offshore-Geschäften erwarteten.

Da es sich bei der Liechtensteiner Steueraffäre um das erste öffentlich gewordene Datenleck handelte, hatten Steuerhinterzieher und ihre Helfershelfer – so die Interpretation der Forscher – das Risiko, das von Datenlecks ausgeht, bis dato noch nicht oder nicht ausreichend berücksichtigt. Die erstmalige Wahrnehmung des Risikos eines Datenlecks oder zumindest die Wahrnehmung eines gestiegenen Risikos beeinflusste demzufolge Angebot und Nachfrage nach Steueroasengeschäften und minderte die erwarteten Gewinne der Offshore-Dienstleister.

Diese Erkenntnis wird durch die Ergebnisse weiterer Analysen von Johannesen und Stolper gestützt. So erlitten Schweizer Banken, die in keinem Zusammenhang mit der Offshore-Steuerhinterziehung standen, keine Kursverluste. Ausserdem ist anzunehmen, dass die US-Behörden zunächst gegen jene Banken ermittelten, bei denen sie die stärkste Verstrickung in Offshore-Steuerhinterziehungsgeschäfte vermuteten oder die deutlichsten Anzeichen dafür sahen, und dass die Anleger auf den Aktienmärkten ähnliche Vermutungen anstellten. Im Einklang damit steht die Erkenntnis, dass die Aktienkurse von Geldinstitutionen, gegen die später durch US-Behörden strafrechtlich ermittelt wurde, deutlicher sanken (6,1 Prozent in vier Tagen nach dem Datenleck) als die Aktienkurse der Banken, die sich infolgedessen selber anzeigten (1,2 Prozent in vier Tagen). Weiterhin stellten die beiden Ökonomen fest, dass Banken, die in der Folge überdurchschnittlich hohe Strafen bezahlen mussten, höhere Kursverluste hinnehmen mussten (3,2 Prozent in vier Tagen) als Banken, deren Strafzahlungen unter dem Median lagen (1,4 Prozent in vier Tagen). 

Risiken beseitigt
Ferner fanden Johannesen und Stolper heraus, dass später aufgedeckte Steueroasengeschäfte, etwa die Swiss Leaks im Jahr 2009 oder die Panama Papers im Jahr 2016, die Kursentwicklungen der Banken nicht mehr signifikant beeinflussten. Auch dieses Ergebnis stützt die Hauptthese der Wissenschaftler: Nach dem Bekanntwerden des ersten Datenlecks haben die Besitzer illegaler Konten und Briefkastenfirmen sowie ihre Helfer auf Bankenseite ihre Erwartungen angepasst, also das Risiko einkalkuliert, dass ihre kriminellen Machenschaften enthüllt werden. Die Aktienkurse fielen, weil neue negative Informationen zur Preisbildung beitrugen. Die im Anschluss bekannt gewordenen Datenlecks stellten keine neue Information in Bezug auf das Entdeckungsrisiko dar.

Schliesslich untermauerten Johannesen und Stolper ihre Hypothese zum abschreckenden Effekt des Whistleblowing noch mit Statistiken der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. So sanken unmittelbar nach dem Datenleck der LGT-Bank internationale Bankeinlagen in Steueroasen im Vergleich zu Bankeinlagen in Nicht-Steueroasen weltweit um mehr als zehn Prozent. Das lässt darauf schliessen, dass es sich bei den von den Ökonomen identifizierten Effekten des Whistleblowing nicht um ein reines Finanzmarktphänomen handelt. Stattdessen hatten die Enthüllungen tatsächlich reale Konsequenzen, nämlich eine abschreckende Wirkung auf Steuerhinterzieher und deren Helfershelfer. 

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