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Die Schule hat eine Vielzahl von Reformen hinter sich. Vieles war notwendig, vieles ist aber über das Ziel hinausgeschossen und geriet der Schule zum Nachteil. Was heute hinterfragt und gar rückgängig gemacht werden soll, erklärt Carl Bossard, Lehrer und Gründungsrektor der Pädagogischen Hochschule Zug.

Stephan Leimgruber

Carl Bossard, eine Reformwelle ist in den letzten Jahren über die Schulen hinweggebraust. Wie beurteilen Sie den radikalen Wandel?

Die Schule hat eine Kaskade von Reorganisationen erlebt, meist von oben von den Schulbehörden verordnet: zusätzliche Fächer mit den zwei Fremdsprachen Frühenglisch und Frühfranzösisch in der Primarschule, das ganze Qualitätsmanagement, altersdurchmischtes oder jahrgangsübergreifendes Lernen, der Lehrplan 21 mit den eng gerasterten Kompetenzen und ihren Kontrollen, die Integrative Schule mit dem Ziel der Inklusion. Vieles wurde verändert. Nicht beachtet wurde dabei das elementare Gesetz der ungewollten Nebenwirkungen in der Erziehung, das der Philosoph und Pädagoge Eduard Spranger 1965 formuliert hat.

Was meinte Spranger damit konkret?

Manches ist dazugekommen – weggenommen wurde wenig. Die Folgen sind spürbar: Im Schulalltag steigen Druck und Hektik. Verweilen und Vertiefen haben kaum mehr Raum. Viele Dinge können nur noch flüchtig angetippt werden. Inhalte lösen einander schnell ab. Sie prägen sich nicht tief ein, werden kaum zu Erfahrung und bleiben fragmentarisch. Zu vieles muss in zu kurzer Zeit erarbeitet werden – und zwar von den Kindern selber. Doch eigenverantwortetes und selbstgesteuertes Lernen überfordert und benachteiligt im Unterricht mittelmässige und lernschwächere Jugendliche, wie die Unterrichtsforschung zeigt.

Führt das zu weniger Können und Wissen?

Es erstaunt nicht, dass selbst intelligente Kinder am Ende der Primarschule in den Grundfertigkeiten des Rechnens und Schreibens oft grosse Lücken aufweisen. Wenn sie diese Grundlagen beherrschen, stehen nicht selten engagierte Eltern oder private Nachhilfeinstitute dahinter. Eine Google-Recherche zu den Stichworten «Nachhilfe, Gymi-Vorbereitung, Zürich» ergibt eine lange Liste von Angeboten – vom Schwarz- und Graumarkt für Zusatzlektionen nicht zu reden. Die Nachfrage muss gross sein, sonst gäbe es diesen Markt nicht. Doch der Aufbau dieses Wissens und Könnens wäre die Kernaufgabe der Schule und nicht Sache privater Anbieter!

Wird in der heutigen Schule zu wenig geübt?

Die Schule hat sich ins fachliche Vielerlei verabschiedet. Der Lehrplan 21 ist überladen. Er verfolgt zu viele Ziele gleichzeitig: Deutsch, Frühenglisch, Frühfranzösisch usw. Wenn die Aufgabenfülle steigt und die Inhalte zunehmen, reduziert sich die Übungszeit. Lehrerinnen und Lehrer kommen kaum mehr zu vertieftem Festigen und Automatisieren. Verbindlichkeit und Effizienz der Lernprozesse nehmen ab. Aus der Gedächtnispsychologie wissen wir jedoch: Je stärker wir eine Grundfertigkeit im täglichen Leben brauchen, desto intensiver müssen wir sie trainieren. Das gilt insbesondere für die grundlegenden Kulturtechniken wie Lesen und Schreiben.

Woran zeigt sich das?

20 Prozent der Schülerinnen und Schüler können nach dem Abschluss der obligatorischen Schulzeit einen Zeitungsartikel zwar lesen, verstehen ihn aber nicht oder nur teilweise. Zwei bis drei von 20 Kindern einer Klasse lesen und schreiben bei Schulabschluss nur unzureichend. Das zeigen die internationalen Vergleichsstudien. Hier liegt ein Systemversagen vor. Doch die kantonalen Bildungsverantwortlichen schweigen dazu. Die Defizite scheinen nicht zu stören. Nach den Gründen der unzureichenden Basisfertigkeiten fragt kaum jemand. Und dies in einem Bildungssystem mit den weltweit höchsten Ausgaben pro Schulkind! Warum lässt die Politik so etwas zu?

Gelten heute andere Prioritäten als Lesen, Schreiben und Rechnen?

Das Kernproblem liegt beim Verstehen. Textlesen und Sinnverstehen werden für manche Kinder und Jugendliche zur Schwerstarbeit. Umso mehr müsste die Schule Gegensteuer geben, nicht zuletzt im Interesse jener Kinder und Jugendlichen, die aus sozial schwächeren Familien kommen und es schwerer haben. Meines Erachtens liegt hier eines der grössten Probleme: Die Schulreformen haben die Chancengleichheit kaum verbessert.

Bringen wenigstens die Fremdsprachen in den Primarschulen einen Vorteil?

Die erste Fremdsprache beginnt in der dritten Klasse. Manche Kinder werden damit konfrontiert, bevor sie richtig lesen und schreiben können. Vor allem für fremdsprachige und sozial benachteiligte Schülerinnen und Schüler ist diese Situation enorm belastend. Zudem sind die Lernresultate ernüchternd. Die logische Konsequenz wäre, mindestens eine der frühen Fremdsprachen wegzulassen oder auf später zu verschieben, um mehr Zeit für die Basics zu erhalten. Die Primarschule muss sich wieder stärker auf die Grundfertigkeiten im Lesen, Schreiben und Rechnen konzentrieren. Nötig wäre der Weg «back to the basics», wie ihn bereits andere Länder gehen!

Im Bereich Natur, Mensch und Gesellschaft ist auch die ethisch-religiöse Dimension der Schule und des Religionsunterrichts untergebracht. Ergibt das Sinn?

Es ist leider ein Faktum: Die Schweizer Schulen schaffen Ethik als eigenständiges Fach ab. Neu mäandriert Ethik als nebulöser Schwarm im Sammelfach Natur-Mensch-Gesellschaft, zwischen Themen wie Fledermaus und Abfall, Medien und Velo, wie mir ein Junglehrer erzählte. Er hechle gestresst von Inhalt zu Inhalt und habe eigentlich für nichts mehr richtig Zeit, auch nicht für ethische Fragen. Dabei wäre dieser Bereich so wichtig.

Was bedeutet diese Entwicklung?

Das konkrete Beispiel aus dem Unterrichtsalltag zeigt: Sobald eine Disziplin als eigenständiger Bereich verschwindet, verschwindet auch der Inhalt. In den Köpfen der Kinder sowieso. Dem Fach Geschichte ergeht es genau gleich. Vor solchen Sammelfächern warnte bereits der renommierte Entwicklungspsychologe Franz E. Weinert: «Fächer sind als Wissenssysteme unerlässlich für kognitives Lernen. Es gibt überhaupt keinen Grund für einen heterogenen Fächer-Mischmasch.» Als Ausnahme nannte er den Projektunterricht: Reale Phänomene oder Probleme unserer Welt bilden hier den Ausgangspunkt. Ethik ist eine unverzichtbare Mitgift schulischer Bildung. Sie darf nicht verloren gehen. Doch die Gefahr ist gross.

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