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volodymyr hryshchenko
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Krieg, Klima und Kostenexplosion: Das Jahr 2023 begann unter unguten Vorzeichen. Aber vielleicht müssten wir ja einfach unser Abwehrdispositiv gegen Katastrophen anpassen: Schon 1988 erklärte der italienische Wirtschaftshistoriker Carlo Cipolla in seinem Büchlein «Allegro ma non troppo» die Dummheit – und nicht das Verbrechen – zur grössten existenziellen Bedrohung der Menschheit.  

John Micelli  

Wie definiert man Intelligenz? Als Robert Sternberg und Douglas Detterman 1986 bei den Vorarbeiten für das Buch «What is Intelligence?» («Was ist Intelligenz: Zeitgenössische Auffassungen über ihre Natur und Definition») zwei Dutzend Expertinnen und Experten auf dem Gebiet baten, den Gegenstand ihrer Forschung zu beschreiben, erhielten die beiden Psychologen zwei Dutzend Definitionen. Lässt sich das geistige Potenzial eines Menschen mit einem Test messen? Ist Intelligenz eine kulturelle Errungenschaft oder genetisch veranlagt? Gibt es verschiedene, voneinander unabhängige Intelligenzen? Für den japanischen Verhaltensforscher Toshiyuki Nakagaki ist Intelligenz «Selbstorganisation, in der Information verarbeitet wird»,  

also eine Umschreibung für die Fähigkeit, sich in neuen Situationen durch Einsicht zurechtzufinden und Aufgaben durch Denken zu lösen. 1990 prägte Buchautor Daniel Goleman den Begriff der «Emotionalen Intelligenz», der dem Einfluss von Gefühlen auf das Denken mehr Gewicht verleiht und soziale Zusammenhänge in den Vordergrund rückt. Einer allgemein akzeptierten Definition für Intelligenz aber ist man trotz reger Forschungstätigkeit seither nicht nähergekommen. Carlo Cipollas Definition von Dummheit dagegen ist seit 35 Jahren unwidersprochen. Zwar haben sich viele gescheite Köpfe schon vor dem Wirtschaftswissenschaftler zum Thema geäussert: Dichter und Zeichner Wilhelm Busch bezeichnete sie als eine «natürliche Begabung». Weitherum bekannt ist, dass Albert Einstein die menschliche Dummheit für grenzenlos hielt – im Gegensatz zum Universum, für dessen Unendlichkeit dem Physiker die stichhaltigen Beweise fehlten. Der General und spätere Kaiser Napoleon Bonaparte gab zu, dass Dummheit in der Politik kein Handicap sei, und von Buschs Dichterkollegen Friedrich Schiller stammt das Zitat: «Gegen Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens». An eine Begriffsbestimmung der Dummheit allerdings wagte sich vor Cipolla niemand – wohl aus Angst, sich daran die Finger zu verbrennen. Schriftsteller Robert Musil begann 1937 seinen Vortrag vor dem Österreichischen Werkbund «Über die Dummheit» mit einer Warnung: «Einer, so sich unterfängt, über die Dummheit zu sprechen, läuft heute Gefahr – es kann ihm als Anmassung ausgelegt werden.» Denn dumm sind natürlich immer nur die anderen.  

Aktueller denn je 
Auch Carlo Cipolla war nicht unbedingt glücklich darüber, dass aus seinen zahlreichen Publikationen ausgerechnet «Allegro ma non troppo» zum Bestseller wurde. Er habe Jahrzehnte für grosse historische Studien aufgewendet, die von zwei oder drei Fachkollegen zur Kenntnis genommen worden seien, während ein Aufsatz aus einer schlaflosen Nacht ein Millionenpublikum erreicht habe, beklagte er sich. Denn Cipolla galt als Koryphäe auf dem Gebiet der Wirtschaftsgeschichte. Studiert hatte er in Pavia, Paris sowie London und unterrichtete danach an verschiedenen italienischen Universitäten, bevor er an die renommierte University of California in Berkeley berufen wurde; neben zahlreichen weiteren Auszeichnungen erhielt er 1980 die Ehrendoktorwürde der ETH Zürich. Sein meistverkauftes Buch allerdings enthält keine wissenschaftlichen Abhandlungen, sondern zwei satirische Beiträge. In «Die Rolle der Gewürze (insbesondere des Pfeffers) für die wirtschaftliche Entwicklung des Mittelalters» persifliert der vielgerühmte Experte seine eigene wirtschaftshistorische Analysetechnik und führt sie ad absurdum. In «Die Prinzipien der menschlichen Dummheit» – im italienischen Original «Le leggi fondamentali della stupidità umana» – formuliert er die Grundgesetze nach wirtschaftlichen Parametern. Die zentrale Aussage: Ein dummer Mensch sei eine Person, die gleichzeitig anderen Probleme bereite und sich selber schade. Ein intelligenter Mensch dagegen sei jemand, dessen Handlungen sowohl ihm selbst als auch anderen zugutekommen würden. Das klingt auf den ersten Blick reichlich banal und tatsächlich ist die Lektüre des 60-Seiten-Aufsatzes leicht und in erster Linie unterhaltend. Der anhaltende Erfolg des Textes aber – im Sommer des vergangenen Jahres erschien das italienische Original als Comic und wurde die deutsche Übersetzung neu aufgelegt – kommt nicht von ungefähr: «Carlo Cipolla besitzt die Gabe, eine scheinbar abstruse Theorie so kenntnisreich zu untermauern, dass sie am Ende fast plausibel erscheint», urteilt Sandro Benini, Kulturredaktor des Tages-Anzeigers, und Christoph Pfluger, Herausgeber der Zeitschrift Zeitpunkt, schreibt zur Neuauflage: «Der schnelle Wurf mit den Gesetzen der Dummheit passt gut in diese verrückte Zeit, die viele Menschen nicht mehr verstehen können.» 

Dummheit gewinnt 
«Gegen die Dummheit sind wir wehrlos»: Cipollas Einschätzung der Gefahr hatte Dietrich Bonhoeffer, deutscher Theologe und Gegner des nationalsozialistischen Regimes, vorweggenommen. Während der Haft im KZ Buchenwald schrieb er: «Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit. Gegen das Böse lässt sich protestieren, es lässt sich blossstellen, es lässt sich notfalls mit Gewalt verhindern. Das Böse trägt immer den Keim der Selbstzersetzung in sich, indem es mindestens ein Unbehagen im Menschen zurücklässt.» Der Wirtschaftshistoriker aber argumentiert natürlich ökonomisch: «Dumme Menschen fügen anderen Menschen Verluste zu, ohne daraus Vorteile für sich selber zu ziehen. Daraus folgt, dass die gesamte Gesellschaft verarmt», erläutert er das fünfte Prinzip. Aber gehen wir der Reihe nach. Das erste Gesetz von Cipollas These lautet: «Immer und unweigerlich unterschätzt jede und jeder die Anzahl dummer Individuen.» Das sei Annahmen aufgrund von oberflächlichen Faktoren wie Beruf, Bildungsniveau oder Vermögen geschuldet, von denen wir fälschlicherweise glauben würden, dass sie Dummheit ausschliessen. «Aber wie oft haben sich Personen, die man in der Vergangenheit für vernünftig und intelligent gehalten hat, plötzlich eindeutig als hoffnungslos dumm erwiesen?», rät Cipolla zur Selbstreflexion. Denn gemäss dem zweiten Gesetz ist «die Wahrscheinlichkeit, dass eine bestimmte Person dumm ist, unabhängig von jeder anderen Eigenschaft dieser Person». Also kommt in jeder denkbaren Kategorie – Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit, Nationalität, Bildung, Einkommen – ein fester Prozentsatz an dummen Menschen vor. Es gibt anteilmässig genauso viele dumme Universitätsprofessorinnen wie Strassenkehrer, Präsidenten wie Haushaltshilfen. Gesetz Nummer drei – für Cipolla das «goldene Prinzip» – wurde bereits erwähnt: «Eine dumme Person ist eine Person, die einer anderen Person oder einer Gruppe von Personen Schaden zufügt, während sie selbst keinen Nutzen daraus zieht und möglicherweise sogar Verluste erleidet.» Den «Dummen» stellt der Wirtschaftsexperte in einer einfachen, aber einleuchtenden Grafik (Abbildung oben) drei weitere menschliche Phänotypen gegenüber: Die Intelligenten, aus deren Handlungen positive Effekte für sich und andere resultieren, die «Banditen», die nur auf eigene Vorteile bedacht sind, und schliesslich die «Hilflosen» oder Naiven, die sich von anderen übertölpeln lassen. Daraus folgt zwangsläufig: Das Schlechte ist statistisch wahrscheinlicher als das Gute.  

Der Ausweg 
Gefährlich seien dumme Menschen deshalb, weil es vernünftigen Menschen schwerfalle, sich unvernünftiges Verhalten vorzustellen und zu verstehen, argumentiert Cipolla. Das führt zum vierten Gesetz: «Nicht-dumme Menschen unterschätzen die zerstörerische Kraft dummer Menschen.» Handlungen der Banditen würden einem Muster der Rationalität folgen, ihre Aktionen seien also vorhersehbar. Aber «ein dummes Wesen belästigt Sie ohne Grund, ohne Vorteil, ohne Plan oder Schema und zu den unwahrscheinlichsten Zeiten und Orten», erklärt der Autor seinen Gedankengang: «Es ist unter allen Umständen ein kostspieliger Fehler, mit dummen Menschen zu verkehren.» Deshalb besagt das fünfte Gesetz: «Ein dummer Mensch ist die gefährlichste Art von Mensch», und die Gefahr bannen lasse sich nur, würden wir einsehen, dass «wir für Idioten nichts tun können». Aber wir könnten verhindern, folgert Cipolla, dass sie in unserer Gesellschaft zu viel Macht erhalten, oder in den Worten von Journalist Pfluger: «Die einzige Möglichkeit für eine Gesellschaft, nicht von der Last ihrer Idioten erdrückt zu werden, besteht darin, dass die Nicht-Dummen noch härter arbeiten, um die Verluste der Dummen zu kompensieren.» 

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