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Achtsamkeitsimpuls
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Soziale Selbstfürsorge

Derzeit ist an vielen Fronten von belasteten Freundschaften die Rede. Deutschland gefährde die mit den USA, weil keine Leonard-Panzer an die Ukraine geliefert würden, und die 60 Jahre alte deutsch-französische Freundschaft sei nur eine Kompromiss-Maschine. Auch im privaten Bereich dürfen sich Freundschaften verändern – je nach Lebensphase.

Anton Ladner 

Die lebenslange Freundschaft gilt als immer wieder gefeiertes Ideal. Gemeinsam im Sandkasten, im Kindergarten, auf der Schulbank, gemeinsame Ferien bis hin zu gemeinsamen Berufserfahrungen. Immer da bei der ersten Liebschaft, bei der Hochzeit, Elternschaft und immer noch da, wenn die Kinder – wieder gemeinsam – ihren ersten Sprachaufenthalt im Ausland absolvieren.  

Nur: In diesen Lebensphasen lernt man auch viele neue Menschen kennen, die besser zur aktuellen Lebensphase passen und deshalb wichtiger werden. Obschon die gängigen Vorstellungen in eine andere Richtung laufen: Freundschaften dürfen durchaus einen «saisonalen» Charakter haben. Alte Freundschaften können deshalb ruhen oder gar abstreben. Denn keine Freundschaft kann aus reiner Nostalgie überleben, um sie lebendig zu halten, braucht es immer auch einen Zweckgemeinschaft-Charakter. Die Freundschaft fürs Leben ist deshalb vor allem ein guter Stoff für Filme, weniger aber für den Alltag. Es gehört zu den jeweiligen Lebensphasen, neue Freundschaften unterschiedlicher Nähe zu schliessen und alte Freundschaften loszulassen. Das hat nichts mit Verrat oder Illoyalität zu tun, sondern mit sozialer Selbstfürsorge. Eine Freundschaft über viele Lebensphasen hinweg ist nämlich eine anspruchsvolle Angelegenheit. Da sind viel Toleranz und Akzeptanz für Wendungen aufzubringen, weil keine Person gleich lebt wie vor 20 Jahren. In neuen Lebensphasen gilt es, sich stets aufs Neue als Freund oder Freundin zu finden, was nicht immer leicht ist. Wenn man das akzeptiert, erträgt man es viel leichter, dass sich eine enge Freundschaft zu einer distanzierten wandelt. Aber auch das kann sich nach einem weiteren Lebensumbruch wieder ändern. Es kann gelingen, alte Freundschaften neu zu beleben oder gut zu beenden. 

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