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Achtsamkeitsimpuls
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Achtsamkeitsimpuls

Am 2. März hat die Fastenzeit, die 40-tägige Vorbereitung auf Ostern, begonnen. Wer in dieser Zeit Verzicht übt, stärkt sein Ich.

von Christian Feldman

Viele Menschen – und auch immer mehr Mediziner – entdecken das Fasten heute neu als einen Weg der inneren Freiheit. «Verzichten ist ein Zeichen von Stärke», sagt der Benediktiner Anselm Grün und zitiert Sigmund Freud: Wer nicht verzichten kann, vermag kein starkes Ich zu entwickeln. Grün: «Und wer immer sofort jedes Bedürfnis befriedigen muss, der kann nicht wirklich geniessen.»

Verzicht als Ermöglichung von Freiheit. Befreiung vom Zwang, dauernd zu trinken, klingt doch schon viel besser als Alkoholverbot. Wer Handy und PC nicht auch mal ausschalten kann, wird Schwierigkeiten im direkten Kontakt mit Menschen bekommen. Der Workaholic, der keine Erholung kennt, geht kaputt, seelisch und körperlich. Der Kontrastbegriff zum Verzicht heisst Sucht.

Fastenzeit: sich von Überflüssigem trennen. Abhängigkeiten überwinden. Sich wieder an einfachen Dingen freuen. Die Lebensmitte wiederfinden. Das Sein höher schätzen als das Haben. Nein, umkehren, sich aus Schuldverstrickungen lösen, ist nichts Lebensfeindliches. Und die Einschränkungen beim Essen und Trinken sind nur Chiffre, Symbol für das, was eigentlich gemeint ist: Neuorientierung, Bewusstseinsveränderung, Kehrtwende. Auch die Muslime kennen eine solche Zeit der Umkehr, arabisch Ramadan genannt, der heisse Monat. Muslime kombinieren das Fasten mit Meditieren, Schweigen, Koranlesen. Christen fasten ebenfalls, um Heilung für ein verwundetes, krankes, desorientiertes Leben zu finden und für Gott frei zu werden – aber sie haben noch eine zusätzliche Motivation: Sie fasten, wie es Jesus getan hat; und sie bereiten sich damit auf Ostern vor, das Fest der Auferstehung, wo die Fülle des Lebens gefeiert wird und alle Grenzen überschritten werden, auch die des Todes. Deshalb sprechen die Katholiken heute lieber von österlicher Busszeit als von Fastenzeit; die Protestanten halten am Begriff Passionszeit fest. Dem einen grossen Gedanken der Umkehr, der Lebenswende, dienen all die uralten und grossteils vergessenen Riten und Bräuche in diesen Wochen: ein Weg der Umkehr, eine Entdeckungsreise in das eigene Innere, ein

Abenteuerurlaub von den eingefahrenen Gewohnheiten, eine aufregende Suche nach neuen Möglichkeiten und Visionen. Die Suche beginnt mit der Frage, woran unser Herz hängt, was wir aufzugeben bereit sind, wonach wir uns sehnen, wo wir eigentlich hin wollen.

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