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Achtsamkeitsimpuls
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Achtsamkeitsimpuls

Der Satz ist berühmt: «Ein Schrank voller Kleider und doch nichts zum Anziehen». Er legt offen, dass die Bekleidung eben auch viel mit Psychologie zu tun hat. Es geht um eine Identität, die man darstellen möchte und vielleicht gar nicht ist. Das löst unnötigen Stress aus vor allem im Sommer. 

von Anton Ladner 

Die Menschen neigen etwas dazu, eine idealisierte Vision von sich zu haben. Man fühlt sich etwas jünger als tatsächlich und sieht sich im Spiegel auch etwas schlanker, als die Waage anzeigt. Doch manchmal führt die gekaufte Kleidung unangenehm vor Augen, dass man diesem Ideal gar nicht entspricht. Die Verhaltenspsychologin Carolyn Maier, Autorin von «Die Psychologie der Mode», geht davon aus, dass sich viele Menschen, die ihre Körperformen nicht akzeptieren, Kleidung kaufen, die nicht passt, und dann glauben, dass sie passen werde, wenn das Zielgewicht erreicht sei. Eine Vorgabe, die in der Regel unerreichbar bleibt. Dass ein solches Verhalten zu andauernden Frustrationen führt, liegt auf der Hand. Deshalb hat die japanische Schrank-Aufräumexpertin Marie Kondo so viel Erfolg. Sie hilft, von Enttäuschungen zu befreien, indem sie dazu auffordert, die Kleidungsstücke zu umarmen, um zu sehen, ob sie tatsächlich Freude auslösen. Wenn das nicht der Fall ist, rät Kondo zur Verabschiedung in die Kleidersammlung.  

Laut der Forschung von Sheena Iyengar und Mark Lepper führt eine zu grosse Auswahl dazu, dass anstelle einer falschen lieber keine Entscheidung getroffen wird. Aus Furcht vor einer Fehlentscheidung kauft man dann nichts, obschon der Kaufdruck anhält. Das Paradox der Wahl wird dann besonders belastend, wenn man mit Kleidung eine Idealversion von sich darstellen möchte. Man sucht Kleidungsstücke für ein Wesen, das man im realen Leben gar nicht ist, und findet sie nicht.   

Kleidung sollte den tatsächlichen Lebensstil widerspiegeln und das Wohlbefinden unterstützen, was mit angemessenen Grössen beginnt. Das ist ein sanfter und liebevoller Umgang mit sich selbst, was im sozialen Umfeld wohlwollend aufgenommen wird. Wer sich nicht nach einer Idealvorstellung von sich selbst kleidet, wirkt gelassener und angenehmer. Das könnte jetzt gut zum Ausmisten des Kleiderschranks führen. Denn während der Pandemie hatte man die Chance, sich ganz gemütlich zu kleiden, weil man sich nicht mit Kleidung so darstellen musste, wie man gerne wäre. 

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