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Der Niederländer Huub Oosterhuis, anfangs römisch-katholischer und später konfessionsloser Theologe, inspiriert mit seinen Weihnachtsliedern durch eine neue Sprache. Der im Frühling 2023 verstorbene Poet gilt als Prophet unserer Tage.

 

Stephan Leimgruber

 

«In tiefer Nacht trifft uns die Kunde:

Der Lauf des Morgensterns beginnt.

Ein Menschensohn ist uns geboren,

Gott wird uns retten heisst das Kind.

Tut auf das Herz, glaubt euren Augen,

vertraut euch dem Geschauten an;

denn Gottes Wort stieg aus der Höhe

und ist uns menschlich zugetan.»

 

Diese Zeilen stehen für das sprachliche Universum von Huub Oosterhuis, der ab 1965 als Studentenpfarrer wirkte. Doch vier Jahre später wurde er wegen seiner Ansichten zu politischen Themen und zu dem zölibatären Leben aus dem Jesuitenorden ausgeschlossen und trat anschliessend aus der römisch-katholischen Kirche aus. Er heiratete, seine beiden Kinder machten später in der Musikbranche Karriere.

Sein Gebetbuch «Jugend vor Gott», in den 1960er-Jahren erschienen, begeisterte durch seine Sprache, weil Oosterhuis dem Sehnen Worte zu geben vermochte. Er zeigte auf, wie man eine persönliche Sprache des Glaubens finden konnte. Er stellte Fragen, äusserte seine Zweifel und Bedenken.

 

«GOTT, WO BIST DU?

Ich seh‘ Dich nicht,

ich hör‘ Dich nicht,

ich spür‘ Dich nicht

– nicht einmal, wie einen leisen Windhauch –,

ich fühl‘ mich so allein!

WO BIST DU?

Dein Name ist doch:

‹ICH BIN DA›.

Warum verbirgst Du Dich??

Hörst Du mich?

WO BIST DU??»

Huub Oosterhuis hat diesen persönlichen Zugang zu Gott in den Psalmen gelernt. Dort sind all diese Fragen, Sorgen und Gedanken schon aufbewahrt.

Hubertus Gerardus Josephus Henricus Oosterhuis wurde noch vor dem Zweiten Weltkrieg 1933 in Amsterdam geboren. Er besuchte das Jesuitengymnasium St. Ignatius in seiner Heimatstadt und trat 1952 in die «Gesellschaft Jesu» ein. Nach der Priesterweihe 1964 wurde er Studentenpfarrer der Amsterdamer Studentengemeinde. Fünf gute, kreative Jahre verbrachte er in dieser Stelle. Gebetsbände entstanden wie zum Beispiel «Ganz nah ist dein Wort» (1967), ebenso Lieder und Meditationstexte. Für Oosterhuis war Christsein hier und heute angesagt, ein Gott nicht in der nebulösen Ferne, sondern ganz nah – «Du bist der Atem meiner Lieder» (1976 ins Deutsche übersetzt).

In der Zeit der 68er-Bewegung kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Huub Oosterhuis und dem Jesuitenorden. Seine Gedanken passten nicht mehr in die vorgegebenen Schemen. In den 1970er-Jahren trat er ein für vermehrt freie Liturgien. In diesen alternativen Liturgien war der Austausch über Bibeltexte vorrangig und die Lieder nahmen einen grossen Platz ein. Oosterhuis wagte sogar Gebete für Agnostiker: «Herr, wenn Du existierst, so komme dann in unsere Mitte.» Später wandte sich Huub Oosterhuis vermehrt der sozialistischen Partei zu. Ihm wurde das Ehrendoktorat der Universität Amsterdam (2002) verliehen und er durfte im Abschlussgottesdienst des 30. Deutschen Evangelischen Kirchentags die Predigt halten. Trotz seiner Kirchendistanz schrieb er weiterhin Gebete und Lieder.

Huub Oosterhuis ist es unter anderem zu verdanken, dass in der niederländischen Kirche nicht mehr alles lateinisch zu und her geht. Er hatte auch auf den deutschsprachigen Raum grosse Auswirkungen und fand Eingang in die Gesangsbücher verschiedener Konfessionen in Europa.

 

«Du bist nicht sichtbar für unsre Augen,

und niemand hat dich je gesehn.

Wir aber ahnen dich und glauben,

dass du uns trägst, dass wir bestehn.

 

Du bist in allem ganz tief verborgen,

was lebt und sich entfalten kann.

Doch in den Menschen willst du wohnen,

mit ganzer Kraft uns zugetan.»

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