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Achtsamkeitsimpuls
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Achtsamkeitsimpuls

Psychologen und Neurowissenschaftler haben den Beweis dafür erbracht, dass Leserinnen und Leser von Romanen ein besseres Verständnis des wirklichen Lebens gewinnen.   

von Anton Ladner 

Die Leichtigkeit, mit der man sich in literarische Figuren hineinversetzt, kann dazu führen, dass man auch Menschen im wirklichen Leben besser versteht. Diese These vertritt Lisa Zunshine, Professorin für Literatur an der University of Kentucky und Autorin von «Das geheime Leben der Literatur». Denn bei der Lektüre eines Romans versucht man, aus den Handlungen oder Worten der Protagonisten herauszulesen, was deren Gedanken und Absichten sind. So ist es auch im Alltag mit real existierenden Menschen. In diesem Sinne ist die Fiktion laut Zunshine ein Übungsfeld für soziales Verhalten. Denn in Romanen begegne man viel häufiger Hinweisen darauf, was eine Figur glaube, denke oder vermute, als im wirklichen Leben. Konkret: Man ist also dauernd mit neuen mentalen Zuständen konfrontiert. Und in Büchern sind die Handlungen in der Regel weit komplexer als im täglichen Leben. Natürlich weiss man bei der Lektüre, dass die Fiktion manchmal übertreibt.

Laut Raymond Mar, Professor für Psychologie an der York University in Toronto, besteht das Geheimnis darin, viele Gedanken zu finden, die einander gegenüberstehen. Das eröffne mehrere Möglichkeiten von Identifizierung. Die Gehirnareale, die beim Lesen von Romanen am aktivsten sind, sind nämlich die gleichen wie in realen sozialen Situationen. Bei Rotkäppchen weiss das Kind, dass die Grossmutter in Wirklichkeit der verkleidete Wolf ist, der sie fressen will. Studien deuten darauf hin, dass bei Kindern, die mit diesen Erzählungen in Berührung kommen, in ihrer sozialen Wahrnehmung weiter fortgeschritten sind, indem sie die Gedanken anderer besser lesen können. Dabei hat sich auch gezeigt, dass ein aufmerksames Lesen durch Papier gefördert und durch digitale Medien gehemmt wird. Laut der Neurowissenschaftlerin Maryanne Wolf der University of California in Los Angeles knüpft jedes Buch, das man liest, an bereits gelesene Bücher an. Das sei aber nur der Fall, wenn die Aufmerksamkeit ganz auf das Buch gerichtet sei, was Papier mehr begünstige als der Bildschirm.

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