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Achtsamkeitsimpuls
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Achtsamkeitsimpuls

Einfach zustimmend nicken oder nur kurz sticheln, statt offen zu zu sprechen, weil man nicht beleidigen möchte. Langfristig zerstört das viel mehr als die offene Konfrontation.   

von Anton Ladner 

Laut einer kürzlich durchgeführten Umfrage des Cato-Instituts, eine der einflussreichsten ökonomisch-politischen Denkfabriken der USA, geben 62 Prozent der Amerikaner an, dass das derzeitige politische Klima sie davon abhalte, offen zu sprechen. Sie vermeiden es, Dinge zu sagen, an die sie glauben, weil andere sie beleidigend finden könnten. Konkret schweigen sie, weil sie das Gefühl haben, mit ihrer Meinung der Minderheit anzugehören.  

Natürlich gibt es immer gute Gründe, nicht zu sagen, was man denkt. Man muss auch nicht immer sagen, was man denkt. Aber einfach zustimmend nicken, weil das praktisch und angenehmer erscheint, ist kein Weg. Es hat absolut nichts mit Nächstenliebe zu tun, der Gegenseite zuzustimmen, wenn man innerlich für das Gegenteil brennt. Ehrlichkeit ist viel näher bei der Nächstenliebe, allerdings auch anstrengender. Wahres gegenseitiges Verstehen, das entsprechende Handlungen eröffnet, erfordert ein Engagement.  

«Durch eine Lüge wirft der Mensch seine Würde weg und vernichtet sie gewissermassen», glaubte Immanuel Kant, der deutsche Philosoph der Aufklärung. Das hat was, vor allem wenn es um Lügen bei Grundhaltungen geht, die das eigene Wesen ausmachen. Wahrhaftigkeit bei Haltungen und Empfindungen ist nämlich ein Schlüssel für tiefere Beziehungen und damit für ein besseren Leben. Denn tragende Beziehungen sind ein entscheidender Glücksfaktor. Um solche Beziehungen zu finden – das ist ein grosses Paradox –, lügt der Mensch, um Sympathie zu gewinnen und Konflikte zu vermeiden. Aber mit der Verleugnung seiner Haltung und Gefühle kann da nichts Tragendes entstehen. Natürlich gibt es bei der Lüge Stufen: die egozentrische Lüge, um einen guten Eindruck zu hinterlassen, die fremdgesteuerte Lüge, um die Gefühle der Person zu schützen, die man belügt («Nein, du bist nicht dick»), und die altruistische Lüge, um jemanden zu schützen. Aber keine von ihnen führt zu glücklicheren Beziehungen, wenn man dabei eigene Haltungen und Empfindungen zur Seite schiebt. 

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