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volodymyr hryshchenko
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Ignorieren Sie dieses Jahr den unvermeidlichen Disney-Weihnachtsfilm. Wer zu den Festtagen Spannung, Spass und Abenteuer für die ganze Familie sucht, ist mit «Pippin der Nichtsnutz» des Zürcher Comic-Verlags Edition Moderne besser bedient: Das Buch von Tim Krohn und Chrigel Farner entführt in ein fantastisches, opulentes «Grischunezia», wo goldene Äpfel, Vögel und Pferde allerlei Begehrlichkeiten wecken.  

John Micelli 

Als Julia Marti und Claudio Barandun vor drei Jahren die Leitung der Edition Moderne übernahmen, war ihr erklärtes Ziel, «schöne Bücher zu machen, die man gerne in Händen hält und immer wieder hervorholen will». Mit dem Comicband «Pippin der Nichtsnutz» lösen sie dieses Versprechen mehr als ein. Goldener Prägedruck auf dem Buchdeckel macht klar, dass sich der Comic einreihen will in die Klassiker der deutschen Literatur, und auch der Titel ist nicht zufällig gewählt: Der Taugenichts von Joseph von Eichendorffs und Adelbert von Chamissos Peter Schlemihl scheint bei Tim Krohn in dessen Wahlheimat Val Müstair auf Besuch gewesen zu sein, als dieser den Text für die Erzählung schrieb. Bekannt geworden ist der deutsch-schweizerische Schriftsteller unter anderem durch seine Anleihen bei einer magischen Glarner Sagenwelt in den Bestsellern «Quatemberkinder» sowie «Vrenelis Gärtli», und auch «Pippin» bleibt einer «sagenhaften» Südostschweiz verbunden. Als «Pippin il patgific» wurde der Comic nämlich im Herbst 2021 vom Verlagshaus Chasa Editura Rumantscha erst mal in Romanisch veröffentlicht. Ein Jahr später dürfen auch deutschsprachige Leserinnen und Leser mit dem Nichtsnutz auf die Reise gehen – müssen allerdings auf Sprachspielerein mit den bündnerromanischen Idiomen in den fünf fiktiven Fürstentümern Sursilvanien, Sutsilvanien, Surmiranien, Puterien und Valladien verzichten. 

Weg mit den Alpen! 
Verzichten möchte eigentlich auch Pippin – auf Arbeit und Anstrengung, auf Ansehen, Ruhm und Reichtum, auf Gefahr und Abenteuer. Der Sohn eines Gärtners in Sursilvanien wird ganz und gar unfreiwillig zum Helden. Während seine Brüder, der Scharfschütze Lupus und der bärenstarke Uors, um die Gunst des Fürsten buhlen und dabei Flora und Fauna im gebirgigen Fürstentum plattwalzen, liegt Pippin im Gras und plaudert mit den Spatzen. Die Moral der Geschichte bleibt dementsprechend vage: Bewahre Tiere und Pflanzen? Folge deiner Natur? Nur ohne Ehrgeiz ist man wirklich frei? Oder doch: Sei lieb zu Vögeln? Denn in den entscheidenden Momenten sind es die Spatzen, die Pippin, um sich für seine Zuneigung zu bedanken, aus der Patsche helfen. Und eine mysteriöse überlebensgrosse Dohle trägt Pippin auf ihrem Rücken durch die Bergwelt «Grossbündiens», der Faulpelz erspart sie dadurch manchen beschwerlichen Fussmarsch. Die Reise zieht sich nämlich immer mehr in die Länge. Geht es am Anfang nur darum, den Dieb der goldenen Äpfel des Fürsten von Sursilvanien zu stellen, befindet sich der gebeutelte Held bald auf der Jagd nach dem goldenen Reiher der Herrscherin über Surmiranien. Die verlangt von Pippin, dass er für sie den goldenen Hengst aus der fürstlichen Burg von Puterien entführen solle. Aber weil der «Vogelflüsterer» konsequent jeden gutgemeinten Ratschlag ignoriert, ist sein Abenteuer auch nach diesem Auftrag noch nicht zu Ende. Für den altersschwachen Oberengadiner Fürsten soll er das Herz der blutjungen Prinzessin Dora – die goldene Jungfrau – im Unterengadin erobern. Pippin aber versagt erneut – sein Herz ist einfach zu gross –, und mit goldenen Äpfeln und goldener Jungfrau auf seinem goldenen Hengst nach Hause reiten kann er erst, nachdem seine Vogelfreunde nochmals mit vereinter Kraft ein massives Hindernis aus dem Weg geräumt haben: Der Fürst von Valladien nämlich wünscht sich endlich freie Sicht aufs Meer.  

Ein modernes Märchen 
Natürlich nimmt die Geschichte – zumindest für Pippin und seine Getreuen – ein gutes Ende, wie es für Märchen üblich ist. Denn neben der spätromantischen Literatur und den Schweizer Sagen hat auch die Märchenwelt der Gebrüder Grimm ein paar Wendungen zur Handlung beigetragen. Diesen Anker nimmt Illustrator Chrigel Farner auf, der drei Jahre an den prächtigen Bildtafeln des Comics gearbeitet hat. Die Kultur-Redaktion des Rundfunks Berlin-Brandenburg, die das Buch flugs zum Comic des Monats erhoben hat, verortet in Farners Kunst das Vorbild der klassischen Märchenillustration des Jugendstils; Publizist und Bilderbuch-Experte Hans ten Doornkaat erkennt Patenschaften von Maler Franz von Lenbach und Illustrator Gustave Doré. Anstelle der Künstler aus dem 19. Jahrhundert aber könnte man genauso gut die fantastischen Welten des mexikanischen Regisseurs Guillermo del Toro als Farners Inspirationsquelle verdächtigen, denn der gebürtige Schaffhauser, der heute in Berlin lebt und arbeitet, zeigt detailverliebt ausdrucksstarke Fratzen, inszeniert wuchtige Kämpfe aus verschlungenen Perspektiven an imposanten Schauplätzen. «Ich war und bin beeindruckt von der Kraft dieser Gegenden», erklärt der Illustrator im Interview mit der Zeitung Südostschweiz nach einer Recherche-Reise durch Graubünden und lobt Krohn, der den Text sehr offen gestaltet habe: «Dadurch gab es viel Platz für mich, um die Geschichte mit meinen Bildern anzureichern.» Sehr reichhaltig ist das Gemeinschaftswerk tatsächlich geworden. Für die Lektüre von «Pippin der Nichtsnutz» möchte man sich eigentlich ein Cheminée und einen Ohrensessel anschaffen, um das Buch an einem kalten Winterabend mit mindestens einem Enkel oder einem Göttikind auf dem Schoss durchzublättern. Freude macht der Comic natürlich aber auch Erwachsenen ohne Begleitung von Minderjährigen und ohne historisierendes Dekor.  

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