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In ganz Europa sind aus Bibliotheken rare Puschkin-Erstausgaben verschwunden. Die Polizei ermittelt und vermutet den neuen russischen Nationalismus als Motiv für die Diebstähle.

 

Anton Ladner

 

Der 1799 in Moskau geborene und mit nur 37 Jahren verstorbene Alexander Puschkin gilt als russischer Nationaldichter und Begründer der modernen russischen Literatur. Das ist ein grosses Erbe, das für Moskau als identitätsstiftend gilt. Nach Angaben von Europol sind seit dem russischen Überfall auf die Ukraine mehr als 170 russische Erstausgaben im Wert von über 2,6 Millionen Dollar verschwunden: aus der Lettischen Nationalbibliothek in Riga, der Universitätsbibliothek Vilnius, der Staatsbibliothek Berlin, der Bayerischen Staatsbibliothek München, der Finnischen Nationalbibliothek in Helsinki, der Französischen Nationalbibliothek, aus Universitätsbibliotheken in Paris, Lyon und Genf sowie der Tschechischen Republik. Es handelt sich dabei hauptsächlich um Erstausgaben von Puschkins Werken. Die Bibliothek der Universität Warschau ist mit 78 verschwundenen Büchern am stärksten betroffen.

Angefangen hat es nach dem russischen Einmarsch in der Ukraine in der Bibliothek der estnischen Universität von Tartu. Zwei Männer, angeblich Flüchtlinge aus der Ukraine, baten um die ersten Ausgaben der Werke von Alexander Puschkin für Forschungszwecke, um sich für ein Stipendium in den Vereinigten Staaten bewerben zu können. Einige Monate später stellte man in der Bibliothek fest, dass acht Bücher, die man den Männern zur Verfügung gestellt hatte, durch Kopien ersetzt worden waren. Das war der Auftakt einer geheimnisvollen Mission. Auch in den meisten anderen Fällen wurden die Originale durch hochwertige Kopien ersetzt.

Nach Angaben von Europol konnten im April in Georgien vier Personen festgenommen und 150 Bücher sichergestellt werden. Eine Sondereinheit der französischen Polizei, die sich mit der Bekämpfung des kulturellen Diebstahls befasst, überwacht die Ermittlungen in Frankreich und koordiniert sie europaweit.

In Russland ist Puschkin eine nationale Ikone, während er in der Ukraine zu einem Symbol des russischen Imperialismus geworden ist. Durch den Ukraine-Krieg hat Puschkin in gewissen Kreisen Russlands an Bedeutung gewonnen. Entsprechend begehrt sind seine Originalausgaben bei russischen Sammlern, die für eine «Heimkehr» des russischen Erbes viel bezahlen.

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