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volodymyr hryshchenko
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Sehr zögerlich hat sich die offizielle Schweiz dazu aufgerafft, die Geschichte ihrer einstigen «Kindersklaven» – die Verdingkinder – aufzuarbeiten. Während sich Politik und Wissenschaft endlich vertieft mit dem dunklen Kapitel Schweizer Sozialgeschichte befassen, ist Lika Nüssli ein versöhnliches Werk gelungen: Im Band «Starkes Ding» – ausgezeichnet als bester Schweizer Comic des Jahres 2022 – erinnert sich ihr Vater Ernst an seine Zeit als Verdingbub.  

von John Micelli  

Die Senntumsmalerei ist Teil des kulturellen Erbes der Ostschweiz. Seit dem 19. Jahrhundert erfasst die naive Bauernkunst den Alltag eines ländlichen, vorindustriellen Lebens. In ihrer Blütezeit sei sie «selbstbewusster und zeitgemässer Ausdruck der kulturellen Identität des Appenzeller und Toggenburger Lebensraumes» geworden, erklärt das Kunstmuseum St. Gallen, das im Besitz einer beachtlichen Sammlung ist. Der bedeutendste Vertreter dieser Frühzeit, Bartholomäus Lämmler, fasziniert mit Lebendigkeit, Frische und Detailreichtum sowie mit der spontanen und heiteren Malweise. Die Prioritäten seiner Auftraggeber – Sennen und Bauern – verdeutlicht seine verzerrte Perspektive: Kühe, Schafe und Geissen, Alpfahrten, Handwerk und Brauchtum, «Heimtli», aber auch die ungebändigten Kräfte der Natur beherrschen das Bild, der mächtige Alpstein verkümmert im Hintergrund zum steinernen Zwerg.  

Auch Lika Nüssli – Illustratorin, Zeichnerin, Künstlerin – spielt mit Formen und Proportionen. Zum Beispiel wenn Ernst – fast nur noch ein grosses, schmerzendes, brennendes «Füdli», weil ihm am Vorabend der Meister den Hintern versohlt hat – auf dem Schulweg «Gspäändli» Jakob, auch er ein Verdingbub, begegnet: «Au! Das kenn ich. Mein Meister ist auch launisch», sagt dieser lakonisch. An anderer Stelle im Buch tröstet sich Ernst damit, dass er ja auch zu Hause geschlagen worden wäre. Denn Nüsslis im Zürcher Verlag Edition Moderne erschienener Comic «Starkes Ding» macht eines deutlich: Noch im vergangenen Jahrhundert – seine Arbeitsstelle tritt Ernst Ostern 1949 an, da ist er gerade mal zwölf Jahre alt – waren Kinder nicht viel wert. Im schlechtesten Fall war ein hungriges Maul mehr zu stopfen. Im besten Fall hatten sie einen Nutzen als billige Arbeitskräfte: 50 Rappen pro Tag will Bauer Schweizer den Nüsslis für einen ihrer Buben geben. Hans und Walter braucht die arme Familie allerdings selbst auf dem bescheidenen Hof. Die Zwillinge seien noch zu klein, befinden die Eltern. Für einen Franken aber könne Ernst für Frau Schweizer, die einen «bösen Fuss» hat, «poschtä» gehen, offerieren Vater und Mutter Nüssli. Das Geschäft wird mit einem Schnaps besiegelt, noch bevor Ernst erfährt, was ihn erwartet.  

Panoptikum einer vergangenen Zeit 
Lika Nüsslis visuelle Anleihen bei der traditionellen Volkskunst sind unverkennbar. Neben der Senntumsmalerei changiert die vielseitige Künstlerin aber auch zwischen Mal- und Sachbuch, zwischen «Alice im Wunderland» und US-amerikanischem Underground: In seitenfüllenden Tableaus wachsen aus Ernsts Heimweh, Hunger, Überforderung und Überlastung bildgewaltige Alpträume. Andernorts erklärt der Verdingbub in kindlicher Schlichtheit, wie man ein «Heuburdi» macht oder was in einem Siedhafen alles gekocht werden kann.  

Zeitlebens habe der Vater von sich aus wenig preisgegeben aus seiner Kindheit, verrät die Autorin und Zeichnerin schon auf der ersten Seite des Buches: «Bis ich ihn ernsthaft danach gefragt habe.» Von diesem Moment erzählt Lika Nüssli im Interview mit dem Schweizer Fernsehen SRF. Zu Beginn der Corona-Pandemie seien sie beide an unterschiedlichen Orten eingesperrt gewesen – sie in einer Wohnung in Belgrad, er im Altersheim im Toggenburg. Sie hätten viel miteinander telefoniert in jener Zeit. «Ich hatte oft das Gefühl, einen ungeheuren Schatz zu heben», fasst Nüssli zusammen: «Gerade, wenn er von der Zeit erzählte, als er noch zu Hause lebte. Das ist zwar erst 80 Jahre her, aber alles war ganz anders als heute.» Schläge setzt es, wenn Ernst nach der Schule mit den anderen Kindern Völkerball oder «Schiitliverband» spielt und dadurch nach der Einschätzung seines Meisters zu spät zur Arbeit auf dem Hof erscheint. Denn nur um für Frau Schweizer einkaufen zu gehen ist er natürlich nicht angeheuert worden. Kühe melken, Kälber tränken, den Stall ausmisten, die Sauen füttern gehört alles zum Pensum des Verdingbuben – und das an sieben Tagen in der Woche, denn: «Die Kühe wissen ja nicht, dass es Sonntag ist», sagt Meister Schweizer. Dank oder gar Anerkennung erhält der Halbwüchsige keine, im Gegenteil: Greift er beim Abendessen nach einem dritten schmalen «Wursträdli», betitelt ihn die Meisterin als «unverschämt». Vier lange Jahre dauert das Martyrium und an seinem letzten Arbeitstag ist der Meister nicht mal da, um ihm «Adije» zu sagen, ärgert sich Ernst: «Es ist trotz allem der schönste Tag», sagt er über das Ende seiner Verdingzeit. Im Herbst des gleichen Jahres fährt er mit Bruder Walter auf dessen Töff nach Zürich, um die riesigen Flugzeuge auf dem eben erst eröffneten Flughafen Kloten starten und landen zu sehen. Eine neue Zeit ist angebrochen.  

Vervollständigtes Schweiz-Bild 
«Letztens hat er mir gesagt, dass er einfach nach vorne geschaut hat und diese Zeit hinter sich lassen wollte. Auf eine Weise hat er das auch geschafft: Er ist ein grosszügiger, fröhlicher Mensch geworden», sagt die Tochter über den Vater im SRF. Im Buch hadert Ernst manchmal durchaus mit dem Schicksal und fragt sich, warum ausgerechnet er von zu Hause wegmusste. «Wahrscheinlich war ich der frechste Schlingel», mutmasst er, oder war er einfach der hungrigste der acht Geschwister? «Starkes Ding» aber ist keine Reihe endloser Klagen, nicht die destruktive Demontage eines verklärten Schweiz-Bildes. Nüsslis stilistischer Reigen setzt sich auch erzählerisch fort – mit Begriffen, Spielen, Tätigkeiten und Verhältnissen, an die sich wenige von uns noch persönlich erinnern, die vielen dagegen dank Erzählungen von Eltern und Grosseltern vertraut vorkommen dürften. Die Schöpferin des am Comic-Festival in Delémont im Juni zum besten Buch des Jahres gewählten Werks zeichnet – im Wortsinn – das Bild einer «heilen» Schweiz, als die Kühe noch von Hand gemolken wurden, die Kinder zu Fuss zur Schule gingen und die «Nideltortä» ein Festtagsschmaus war. Sie macht aber auch deutlich, wie viele Entbehrungen, wie viel Leid diese «gute, alte Zeit» mit sich brachte – vor allem für jene am unteren Ende der gesellschaftlichen Skala. Und warum es kein Ziel sein kann, diese untergegangenen Verhältnisse wiederherzustellen.

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