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volodymyr hryshchenko
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Vor 175 Jahren rollte auf der ersten Bahnlinie der Schweiz ein Zug zwischen Baden und Zürich. Zu jener Zeit waren die aargauischen Gemeinden Endingen und Langnau die einzigen Zufluchtsorte für die Juden im deutschsprachigen Teil der Eidgenossenschaft. Rückblickend handelt es sich um zwei zentrale Ereignisse im Kanton Aargau, die für die Schweizer Geschichte prägend waren. 

John Micelli und Stephan Leimgruber 

«Wie der Fischer von Laufenburg seine Fische in Zukunft lebendig nach Strassburg und nach Paris bringen und sie dort teurer verkaufen kann als tot in Basel, wird der Landmann die Produkte seines Landes schnell und billig dorthin führen, wo sie ihm am meisten gelten. Die Welt wird sein Markt», versprach Friedrich Frey-Herosé 1845 vor dem Aargauer Grossen Rat und geriet ob der immateriellen Vorteile der Eisenbahn ins Schwärmen: «Wie gross wird erst der Gewinn für die geistige Ausbildung, für ein freundliches Zusammenleben sein? Die Berührung mit anderen Menschen, die daherige Betrachtung anderer Verhältnisse, Sitten, Gebräuche, bildet mehr als alle Schulen, als alle theoretische Belehrung, und manches Übel, das unser Land drückt, wird verschwinden», gab sich der Aargauer Regierungsrat und spätere Bundesrat überzeugt. Fiebrig wurden bereits in ganz Europa Eisenbahnstrecken gebaut – die Schweiz aber war bis Mitte des 19. Jahrhunderts ein hartes Pflaster für die Innovation. Nicht nur die schwierige Topografie stellte die Ingenieure bei der Planung vor grosse Herausforderungen. Als wirkungsvollster Bremsklotz für den Bau eines Schweizerischen Eisenbahnnetzes erwies sich die Kleinstaaterei der Eidgenossenschaft, bevor die Bundesverfassung von 1848 aus dem Staatenbund einen Bundesstaat mit zentralen Regierungsorganen machte. Bezeichnenderweise wurden denn auch die ersten Schienen in der Schweiz von der französischen Compagnie du chemin de fer de Strasbourg à Bâle verlegt, als diese 1844 die letzten paar 100 Meter von der Grenzstadt Saint-Louis nach Basel der insgesamt knapp 140 Kilometer langen Eisenbahnstrecke baute.  

Zwischen den Fronten 
Dass aber der Aargau eine wichtige Rolle spielen würde bei der Erschliessung der Eidgenossenschaft mit der Eisenbahn, war von Anfang an klar und ist in erster Linie der geografischen Lage des Kantons geschuldet. Ob von Norden nach Süden oder von Osten nach Westen: Eine Querung des Landes musste aargauisches Kantonsgebiet zumindest anschneiden. Ein erstes rein schweizerisches Eisenbahnprojekt von Friedrich Hünerwadel – der Spross einer einflussreichen Lenzburger Familie von Politikern und Unternehmern – mit Unterstützung der Zürcher Handelskammer von 1936 scheiterte fünf Jahre später an finanziellen Schwierigkeiten – und am Widerstand sowohl der beiden Basel als auch der aargauischen Landbevölkerung. Anstelle einer Linienführung entlang von Rhein, Aare und Limmat von Basel nach Zürich bevorzugten die beiden Halbkantone den direkten Weg nach Süden in die Innerschweiz und zum Gotthard, um die Stellung der Grenzstadt als Tor der Schweiz nach Nordeuropa zu festigen. Von Partikularinteressen getrieben, liessen sich aber auch die verschiedenen Kantonsteile des jungen Aargaus im Konkurrenzkampf zwischen Zürich und Basel nur allzu leicht instrumentalisieren. Dass hingegen der Protest der Bauern im Fricktal und im Zurzibiet aus der Angst vor schrecklichen Krankheiten geboren worden sei, die der Anblick von schnaufenden, dampfenden und vor allem rasenden Lokomotiven verursachen könne, ist eine Legende. Ursache der Gegenwehr im ländlichen Aargau gegen die Eisenbahn war wohl eher das selbstherrliche Auftreten von Geometern und Ingenieuren, die ohne Erlaubnis der Grundeigentümer begonnen hatten, die zukünftige Trasse entlang der Flüsse und durch den Jura zu vermessen.  

Der Kompromiss 
Zürich aber träumte weiterhin von einem Anschluss an die französischen und deutschen Schienennetze im Norden. Allerdings war die vom Aargau favorisierte Streckenführung über den Bözberg (oder unter dem Pass hindurch) technisch für die damalige Zeit noch zu anspruchsvoll. Mit der Regierung des Grossherzogtums Baden einigte sich Zürich auf einen Anschluss des Schweizer Schienenstranges an die Badische Hauptbahn in Waldshut. Dieser Streckenplanung – Zürich-Baden-Turgi-Koblenz-Waldshut – schloss sich 1845 auch der Aargauer Grosse Rat an, nachdem sich die mit der Ausführung betraute Schweizerische Nordbahn (SNB) zum Bau einer Zweigstrecke von Baden nach Aarau verpflichten liess. In 16 Monaten Bauzeit entstanden in der Folge als erste Etappe die erste ganz auf Schweizer Boden befindliche Eisenbahnstrecke und der erste Eisenbahntunnel der Schweiz – der 80 Meter lange Schlossbergtunnel – zwischen der Stadt Zürich und dem aargauischen Städtchen Baden, die nach einer Badener Spezialität benannt als «Spanisch-Brötli-Bahn» in die Schweizer Eisenbahn-Geschichte eingehen sollte. Der wirtschaftliche Erfolg aber blieb aus – weshalb die ab Baden geplanten Abschnitte nach Norden und Westen erst in den 1850er-Jahren gebaut werden konnten, nachdem die SNB mit der Zürich-Bodenseebahn zur Schweizerischen Nordostbahn (NOB) verschmolzen war. 

Modernismus und Modernität 
Während bahnmässig Aufbruchstimmung herrschte, mussten Jüdinnen und Juden weiter erniedrigt und ausgegrenzt leben. Die Gemeinden Endingen und Langnau waren in der alten deutschsprachigen Eidgenossenschaft von 1650 bis 1866 die einzigen Zufluchtsorte für die Juden. Das bedeutet, auch eingeschränkte wirtschaftliche und berufliche Tätigkeiten, strenge Wohnvorschriften gehörten dazu. Im Mikrokosmos des Aargauer Surbtals entfaltete sich ein jüdisches Leben. Davon zeugen bis heute in Lengnau und Endingen zwei ansehnliche Synagogen und zwischen beiden Dörfern ein grosser jüdischer Friedhof. Seit 2009 wird auf dem «Jüdischen Kulturweg Endingen-Langnau» die Geschichte der Juden in der Schweiz nacherzählt.  

Noch in der Bundesverfassung von 1848 waren den Juden die Niederlassungsfreiheit, die Gleichstellung vor dem Gesetz und in Gerichtsverfahren und die freie Ausübung des Gottesdienstes vorenthalten. 

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