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volodymyr hryshchenko
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Das für den Schweizer Buchpreis am 20. November nominierte Buch von Simon Froehling sticht besonders hervor. Sein zweiter Roman «Dürrst» ist nach langer Pause entstanden und eröffnet das extreme Leben eines bipolaren Menschen, der sich auf Reisen und in verschiedenen Szenen auf die Suche nach der Liebe macht. 

Pascal Moser 

Bereits der erste Roman «Lange Nächte Tag» von Simon Froehling war ein Erfolg. Jetzt zeigt der 44-jährige australisch-schweizerische Doppelstaatsbürger mit seinem waghalsigen Roman «Dürrst», dass er sich weiterentwickelt hat. «Dürrst» besteht aus autobiografischem Stoff und hinterlässt tiefe Spuren. Denn er schildert die psychische Belastung, die seine bipolare Störung mit sich bringt. Bei dieser Erkrankung schwankt die Stimmung zwischen zwei entgegengesetzten Extremen. Vom Gedanken, dass Kunst verändern soll, hält Froehling nicht viel. Trotzdem sagt er: «Der Mensch würde ohne Kultur verkommen. Ein Wunsch wäre, dass mein Buch zu einem offeneren Diskurs über psychische Gesundheit beiträgt.» 

Knapp ein Fünftel der Schweizer Bevölkerung leidet heute unter psychischen Problemen. Besonders marginalisierte Gruppen sind stärker und häufiger davon betroffen. «Die Schweiz ist, im internationalen Vergleich, ein ziemlich krankes Land, und trotzdem wird wenig darüber geredet.»  

Überschattete Karriere
Wer ist der Protagonist von «Dürrst»? Ein Kunstschaffender, der nach einer Ausstellung, die Baldwins Roman «Giovannis Room» nachgefühlt ist, eine erfolgreiche Karriere lanciert. Doch die Karriere wird
überschattet von der schwierigen Vergangenheit seiner wohlhabenden Herkunftsfamilie und der psychischen Erkrankung des Künstlers. Eines Morgens beschliesst er, dass er gesund genug sei für das Verliebtsein und die homosexuelle Liebe. So erweist sich das Buch als eine Suche nach der Liebe, die in einer stark verstrickten Erzählweise geschildert wird. Erst später wird die emotionale Belastung des Protagonisten verdeutlicht, so etwa in folgender Passage:  

«Hundsjahre. Wie viele Tage sitzt du morgens auf dem Balkon mit Kaffee und Zigaretten und deinem Handy und fürchtest dich? Wie viele Morgen insgesamt? Tausend? Fünfhundert? Tausendfünfhundert?»  

Was Froehling hier beschreibt, ist mal eine leise, abstrakte Angst, mal eine, die so stark ist, dass sie Dürrst aus dem Schlaf reisst und nicht loslässt. Nach seinem ersten Buch «Lange Nächte Tag» war Froehling selbst für eine lange Zeit in psychischer Behandlung. «Ich habe nicht mehr geschrieben, auch nicht gelesen und hatte schon damit abgeschlossen – ich dachte, das sei es jetzt gewesen», sagt der Autor. Er sieht im Schreiben auch einen Zwang. «Es ist so sehr mit meiner Identität verwoben, dass es schrecklich war, nicht mehr zu schreiben. Als ich dachte, ich würde nicht mehr schreiben, hatte ich einen Hauptpfeiler meiner Identität verloren.»  

Das Manuskript «Dürrst» war sehr lange nur für den Autor bestimmt. Deshalb sei es fast ironisch, dass es nun so viel Aufmerksamkeit bekomme, meint Froehling. Die Nominierung für den Schweizer Buchpreis freue ihn sehr, sagt er mit einem Lachen und fügt an, dass es ihm dabei nicht um die persönliche Bekanntheit gehe. «Es ist ein Buchpreis und kein Preis für eine Autorin oder einen Autor.» 

Die Stärken des Romans sind die bildstarken Szenen. Die Bipolarität wird erlebbar, die Hektik der Partnersuche, der schnelle Sex, das Ausbleiben der Liebe. «Je nach Tagesform kann das anstrengend sein. Aber das Buch an sich steht für sich selbst. Sobald ich es zum ersten Mal in der Hand hielt, hatte es eigenartigerweise nur noch wenig mit mir zu tun.» 

Froehling schreibt meist morgens und versucht dabei, unzensiert, wenig analytisch und sehr intuitiv zu bleiben. «Bei einem solch grossen Vorhaben geht es mir immer darum, eine Frage zu ergründen, ohne unbedingt Antworten finden zu wollen.» Danach spielen dramaturgische Elemente hinein. Bei «Dürrst» bedeutet das zum Beispiel, dass die Zeitformen ineinander hineinfallen. Die Lesenden wissen zum Schluss nicht mehr genau, wo sie sich jetzt befinden, ähnlich wie sich «Dürrst» fühlt. Und überhaupt wählt Froehling einen Erzählstil, der die Lesenden zur Teilnahme zwingt. Denn er erzählt nicht in Ich-Form, sondern in Du-Form. Simon Froehling nimmt Leserinnen und Leser mit auf eine Reise nach Athen, Kairo, Edinburgh und Berlin, durch Besetzer-, Kunst- und Schwulenszenen und trifft mit seinem Stil direkt ins Herz.  

Vor acht Jahren hatte Lukas Bärfuss den Schweizer Buchpreis mit «Koala» gewonnen. Ein Buch, das ebenfalls psychische Erkrankungen thematisiert. Der Protagonist begeht zu Beginn des Romans Suizid. Aber «Dürrst» stellt sich dem Leben, geht weiter.  

 

Der Autor
Simon Froehling wurde 1978 in Brugg geboren und hat seine Matura im australischen Brisbane absolviert. Dann folgte eine Ausbildung zum Englischlehrer in London, danach arbeitete er als Wirtschaftskorrespondent. Heute lebt er im Zürcher Reustal und arbeitet hauptberuflich als Autor, Übersetzer und Gastdozent sowie als Dramaturg beim Tanzhaus Zürich, das seit 1996 besteht. 

Als Institution für Tanz, Choreografie und Performance, die weit über die Kantons- und Landesgrenzen ausstrahlt, bietet es eine stabile Basis für Künstlerinnen und Künstler. 

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