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Achtsamkeitsimpuls
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Achtsamkeitsimpuls

«Es gibt keine bessere Selbstfürsorge, als sich von Menschen zu trennen, die toxisch sind», lautet ein gängiger Ratschlag. Aber stimmt das? Etwas Gift kann nämlich das geistige Wohlbefinden heben. 

von Anton Ladner 

Trennungen von Ehen werden erfasst und auch analysiert, das Ende von losen Beziehungen oder Freundschaften aber kaum. Alle Arten von Beziehungen können jedoch zerbrechen, auch die Beziehung von Kindern zu ihren Eltern, was eine besonders schmerzliche Erfahrung sein muss. Laut Karl Pillemer, Professor an der Cornell University und Autor eines vor zwei Jahren erschienenen Buches zu dieser Thematik, haben sich 67 Millionen Amerikaner von mindestens einem Familienmitglied entfremdet. Diese Brüche werden damit erklärt, dass distanzierte oder schwierige Eltern plötzlich als missbräuchlich, als toxisch, wahrgenommen würden, was zur Trennung führe. Eltern werden so zu einer Startrampe für die persönliche Entfaltung und sind nicht mehr Fixpunkt lebenslanger Verpflichtungen. Das ist eine neue, generationsbedingte Haltung gegenüber der Gesellschaft, aber auch eine Mutation der zwischenmenschlichen Beziehungen. Junge Menschen sind heute von der Unbeständigkeit und der unendlichen Auswahl geprägt, die Online-Dating und soziale Medien bieten. Die Selbstfürsorge-Rhetorik kann dazu führen, dass eigenes Wohlbefinden über alles andere gestellt wird und deshalb herausfordernde Menschen schnell als toxisch gemieden werden.   

Aber der Begriff toxisch ist kein psychologisches Konstrukt, das Gültigkeit und Zuverlässigkeit hat. Es ist ein Begriff der sozialen Medien, der vor allem dem eigenen Komfort zudient. Wer bei Spannungen eine Beziehungsperson als toxisch erklärt, entbindet sich von einer tieferen Auseinandersetzung. In einem Beziehungskonflikt haben oft beide Personen das Gefühl, missbraucht zu werden, weil ihre Bedürfnisse nicht erfüllt sind oder sie ihren Willen nicht durchsetzen können. Das ist urmenschlich und gehört reflektiert und nicht als toxisch deklariert. Die Überbewertung von Schaden kann nämlich noch mehr Schaden verursachen, vor allem wenn man etwas unbequeme Menschen als toxisch aus seinem Leben amputiert. 

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