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Achtsamkeitsimpuls
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Soziale Selbstfürsorge

Corona-Impfgegner, Putin-Versteher oder Trump-Begeisterte – es gibt sie auch im engsten Umfeld. Das macht heute eine höfliche Unterhaltung schwieriger.  Denn die sozialen Normen mit Gesprächstabus gelten nicht mehr. Das Risiko steigt, sich bei einem Treffen zu ärgern statt zu freuen. 

Anton Ladner  

Vom 17. bis zum 19. Jahrhundert verbreitete sich in Europa eine Reihe von Höflichkeitshandbüchern mit detaillierten Konversationsregeln. Gewarnt wurde vor dem Gebrauch unehrenhafter Wörter, vor dem, was man nicht thematisieren solle, und empfohlen wurden Gesprächsstoffe, die zu einer gelungenen Unterhaltung führen würden. Diese sozialen Normen verloren später an Bedeutung, hielten sich aber dennoch erstaunlich lange in gewissen Punkten. 

Nach den 68er-Jahren, nach Aids, mit dem Aufkommen von Internet und später den sozialen Medien haben sich die sozialen Bestimmungen langsam aufgelöst. Eltern sind heute bedeutend weniger streng und hierarchisch, die Arbeitskultur hat sich mit neuen Errungenschaften für die Beschäftigten verändert und die Gesprächstabus werden immer weniger. Eine Studie aus dem Jahr 2014 ergab, dass die Knigge-Bücher des frühen 20. Jahrhunderts spezifische Regeln aufstellten, während die heutigen Knigge-Ratgeber viel allgemeiner sind – sie plädieren für eine Reihe von Regeln, um rücksichtsvoll zu interagieren. Das ist nämlich notwendiger als früher. Denn heute werden wir von sehr persönlichen Informationen überschwemmt. Bevor man seine Bekannten trifft, weiss man bereits via WhatsApp-Chat oder Instagram, was sie dazu denken, dass die SP Schweiz zwei Frauen für die Nachfolge von Bundesrätin Simonette Sommaruga ins Rennen schickt oder warum sie die Niederlage von Donald Trump bei den Midterm-Wahlen bedauern. Dieser Informationsfluss macht es nicht einfacher, sich locker zu treffen und auszutauschen. Die Rundum-Offenbarungen bergen Risiken für persönliche Kontakte, weil sie konditionieren, vor allem bei unterschiedlichen Meinungen. Ein Treffen ist dann bereits zuvor überschattet und die Gefahr, auf die heiklen Punkte zu sprechen zu kommen, ist gross. Das vergiftet die Situation. Wie damit umgehen? Jetzt nicht darüber sprechen zu wollen, offen zu erklären, andere Themen derzeit vorzuziehen, sind gute Optionen für eine «gepflegte» Unterhaltung, bei der die guten Gefühle am Schluss überwiegen. 

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