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Achtsamkeitsimpuls
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Achtsamkeitsimpuls

Sich zur Ehrlichkeit zu verpflichten beginnt mit der Verpflichtung, sich selbst gegenüber ehrlich zu sein. Es ist wie bei der Nächstenliebe, die ohne Selbstliebe gar nicht möglich ist.   

von Anton Ladner 

Die Wahrheit wird heute oft als Waffe eingesetzt. Sie kommt erst auf den Tisch, wenn Konflikte bestehen, abgerechnet wird, um Veränderungen herbeizuführen. Die Wahrheit hat somit eine Katalysatorfunktion. Dabei wird aber Wahrheit oft mit Meinung verwechselt und Meinungen sind eben noch lange keine Tatsachen. Die Wahrheit ist deshalb anspruchsvoll und auch anstrengend, vor allem wenn sie im Dienst der Liebe stehen soll.

Wer die Wahrheit für sich behält, weil das bequemer ist, und sie dann nur nutzt, um zu verletzen, verwendet die Ehrlichkeit nicht als Ausdruck von Liebe, sondern als Waffe. Denn im Leben muss man sich nicht auf die Unvollkommenheit der anderen fixieren und sie zur Sprache bringen, sondern auf die Tugenden. Das generiert viele Wahrheiten, die anerkennend und lobend sind, weil offene Ehrlichkeit auch bedeutet, die positiven Gefühle rauszulassen. Ist die Wahrheit jedoch weniger angenehm, kann man sie so formulieren, dass sie die Gelegenheit zum Wachstum betont.

Das macht freier und man macht sich dann tatsächlich auch weniger Sorgen um die Meinungen anderer, weil man davon ausgeht, dass sie auch ehrlich sagen, wenn etwas nicht stimmt. Das klingt wie ein Paradox, ist aber eine logische Folge davon, wenn man sein Leben an der Ehrlichkeit anbindet und sie zur Leitplanke macht. Wenn es dann nach und nach leichter wird, ist das eine spirituelle Erfahrung. Die Ehrlichkeit wird zu einem Akt der Liebe, wie die Selbstliebe für die Nächstenliebe («Liebe deinen Nächsten wie dich selbst»).

Brad Blanton, ein US-amerikanischer Psychotherapeut, hat in seinen Büchern die radikale Ehrlichkeit zum zentralen Thema gemacht. Er verspricht typisch amerikanisch ein erfüllteres und glücklicheres Leben dem, der mit purer Ehrlichkeit unterwegs sei. Laut Blanton liegt das Grundübel darin, dass man sich selber belüge. Somit beginnt die Ehrlichkeit zu anderen mit der Ehrlichkeit zu sich selber – wie bei der Nächstenliebe.

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