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Märtyrer, Widerständler, Befreiungstheologen lieben die oft so sperrige Offenbarung des Johannes. Sie finden in ihr eine Theologie aus der Perspektive der Opfer und einen Gott, der den Unterdrückten Gerechtigkeit und Würde verspricht.

von Christian Feldmann

Der gern über das «Reich des Bösen» und endzeitliche Entscheidungsschlachten schwadronierende US-Präsident Ronald Reagan, war er etwa doch das im letzten Buch der Bibel beschriebene schreckliche Tier, das die Stimme eines Drachen hat, Feuer vom Himmel fallen lässt und – Achtung! – die gesamte Wirtschaft beherrscht? Es gab damals in Amerika genug Menschen, welche die Bibel wörtlich

verstanden und den in der Offenbarung genannten Zahlenwert für das Tier 666 (Ziffern dienten im Altgriechischen und Hebräischen gleichzeitig als Buchstaben) als klaren Hinweis auf den Präsidenten interpretierten: Ronald Wilson Reagan, dreimal die Sechs!

Welcher Leser, welche Hörerin ist angesichts der bisweilen grotesken Zahlen- und Bilderrätsel und der verwirrenden Theologie der Johannes-Apokalypse nicht schon in Verzweiflung geraten? Sterne fallen vom Himmel, Engel und Dämonen führen Kriege, die Welt hat drei Stockwerke, Tiere sprechen, Drachen und Monster sind unterwegs. Und obwohl die apokalyptischen Reiter über die Erde hetzen und die Menschen einander Gewalt und Tod und Hunger antun, soll man daran glauben, dass Gott längst ein gutes Ende der Geschichte bestimmt hat und seine Getreuen retten wird und die allerorten ihr Zerstörungswerk ausübenden Kräfte in Wirklichkeit entmachtet sind? Ist es also vielleicht doch richtig, dass die Johannes-Apokalypse so selten in Lesungen und Predigten auftaucht?

Hoffnungslektüre für die Basisgemeinden
Es gibt einen oft übersehenen Grund, warum man auf das in der Offenbarung versteckte Kraftpotenzial keinesfalls verzichten sollte:

Märtyrer der christlichen Frühzeit wie Irenäus von Lyon oder Justin haben sich in ihr zu Hause gefühlt, Widerständler wie der niederländische Nazi-Gegner Kornelis Heiko Miskotte oder der südafrikanische Anti-Apartheid-Aktivist Allan Boesak haben sie oft zitiert und mitreissend ausgelegt, der US-Bürgerrechtler Martin Luther King illustrierte seine charismatischen Predigten mit Bildern aus der Offenbarung. In befreiungstheologisch geprägten lateinamerikanischen Basisgemeinden sind die Texte überaus lebendig – nicht nur Trost spendend, sondern Bewusstsein schaffend, zum Handeln und Kämpfen motivierend.

Es ist der Verzweiflungsschrei der hingeschlachteten Märtyrer, den Allan Boesak zitiert: «Wie lange zögerst du noch, Herr, Gericht zu halten?» (Offb 6,10). Staunend findet er in der Apokalypse die Gegenwart wieder, wo die Kirche in den Kampf zwischen Gott und Göttern – Rassismus, Militarismus, wirtschaftliche und politische Unterdrückung – hineingezogen sei. Christenheit und Kirche müssten sich entscheiden: für das ewige Babylon oder für das neue Jerusalem.

Ganz offensichtlich hat die auf den ersten Blick so fromm entrückte Botschaft der Johannes-Offenbarung eine subversive Komponente. Wenn man genau liest, wie sie die Konkurrenz zwischen Kaiserkult und Gottesverehrung schildert, entdeckt man, wie zeitlos diese Konflikte sind und wie aktuell ihre Mahnungen. Das totalitäre römische Herrschaftssystem hielt sich ja nicht nur durch militärischen, sagen wir ruhig polizeistaatlichen, und wirtschaftlichen Druck, sondern auch durch eine politische, mit viel Glamour und Propaganda verbreitete Theologie: Wer den allgegenwärtigen Standbildern des Kaisers Kränze und Opfer spendete, wer die Tempel der toten und in der Regel per Senatsbeschluss unmittelbar nach dem Hinscheiden zu Göttern erhobenen Herrscher besuchte, sicherte das Wohl des Imperiums. In der Johannes-Offenbarung aber werden goldene Kränze nur noch vor Gottes Thron niedergelegt und vor keinem Mächtigen der Erde (Offb 4,10). Was eine folgenschwere Entmythologisierung aller Politik bedeutet: Machtgelüste, Profitgier, Eroberungsträume, Kampf um Territorien und Absatzmärkte, Öl und Rohstoffe lassen sich auf keine Weise mehr religiös verbrämen, weder von westlichen Generälen noch von staatstreuen östlichen Kirchenführern.

Und gleichzeitig eine nicht minder bedeutsame Entspiritualisierung des Glaubens. Bibellektüre als Hoffnungstraining. Gottes Verheissungen als ein Stück Menschenwürde, Gerechtigkeit, Lebensqualität schon in diesem irdischen Dasein. Der Himmelskönig als Freund der Verfolgten, Ausgegrenzten und Habenichtse. Der Autor der Offenbarung betreibt Theologie, wie man heute sagt, aus der Perspektive der Opfer, und dass sein Gott ein parteiischer Gott zu sein scheint, sollte ihm niemand übelnehmen, der die biblischen Propheten und die Jesus-Geschichten aus den Evangelien kennt.

Die Visionen der Apokalypse demaskieren die Gewalt des Bösen, auf der die Herrschaft der Weltmacht Rom und jeder anderen Unterdrückungsmaschinerie basiert. Diese scheinbar absolute und universale Herrschaft wird nicht nur von Menschen ausgeübt, «denn der Teufel ist zu euch hinabgekommen; seine Wut ist gross, weil er weiss, dass ihm nur noch eine kurze Frist bleibt» (Offb 12,12). Dann nämlich wird ein zorniger Gott die Toten richten, Gerechtigkeit bringen und «alle vernichten, welche die Erde vernichten» (Offb 11,18).

In den wohlbekannten, aber auch problematischen Bildern der ägyptischen Plagen und des Heiligen Krieges verkündet die Apokalypse, dass Gott die Schreie der Gequälten höre und eine menschenfreundliche

neue Welt heraufführen werde. Die afroamerikanischen Spirituals, im Kontext von Rassenhass und Sklaverei entstanden, passen zu dieser Botschaft vermutlich besser als die weltenthobenen Gesänge unserer gewohnten Sonntagsgottesdienste. Das vielleicht aufregendste Buch der Bibel will mit seinem Hoffnungspotenzial Leserinnen und Hörer zum Handeln bewegen, und möglicherweise fragen sie sich wie jener zaghafte Mann aus Südafrika:

«Wenn ich dann in den Himmel komme, was ich gerne möchte, wird mich der grosse Richter fragen: Wo sind deine Wunden? Und wenn ich dann antworte: Ich habe keine!, wird er fragen: Gab es denn nichts, wofür es sich zu kämpfen lohnte?»

Alan Paton
Doch wenn das Handeln nicht hilft? Hätte der biblische Schreiber nicht besser Klagelieder anstimmen sollen statt seiner Triumphgesänge auf einen oft so trostlos schweigenden und dann zornig dreinschlagenden Gott? Provoziert die Johannes-Apokalypse mit ihren Visionen nicht schon wieder religiöse Überheblichkeit und Gewalt?

Wenn es um die tiefsten Sehnsüchte und Glaubenserfahrungen des Menschen geht, haben die Künstler oft eine bessere Antenne als Kirchenbeamte und Religionswissenschaftler. Gustav Mahler hat das überirdisch schöne Finale seiner 1895 uraufgeführten Auferstehungssinfonie so erläutert:

«Mitten in der grauenvollen Stille glauben wir eine ferne, ferne Nachtigall zu vernehmen, wie einen letzten zitternden Nachhall des Erdenlebens. (…) Ein allmächtiges Liebesgefühl durchleuchtet uns mit seligem Wissen und Sein.»

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