Die Regierung des brasilianischen Bundesstaates Mato Grosso do Sul hat jetzt ein Projekt gestartet, auf das sie mächtig stolz ist: kostenlose Operationen an Augen, Ohren, Nase und Brust für Kinder ab fünf Jahren und Jugendliche, um Selbstvertrauen zu stärken und Schulabbrecherquoten zu senken.
Christian Feldmann
Überall auf der Welt werden Kinder gemobbt, weil sie einen Sprachfehler haben oder eine komische Nase. Nein, weil die anderen Kids, die sich für attraktiver halten und ausserdem blöd sind, Spass dran haben, jemanden auszugrenzen. Das ist der eigentliche Grund, aber das Wissen darum hilft denen mit der schiefen Nase und den Schlitzaugen wenig. In Brasilien, wo gutes Aussehen als das Wichtigste von der Welt gilt und oft genug in Stellenanzeigen gefordert wird, wo es pro Jahr 1,6 Millionen Schönheitsoperationen gibt (nur in den USA ist die Zahl noch höher) und ein Viertel der Schüler zu Protokoll gibt, sie empfänden ihr Leben wegen Mobbing und Schikanen der Kameraden nicht mehr als lebenswert, gibt es jetzt ein Hilfsprojekt gegen Schönheitsmangel. Das Programm mit den Schönheitsoperationen kommt sehr gut an bei der brasilianischen Bevölkerung. Psychologische und pädagogische Experten sind allerdings weniger begeistert: So könne man die tieferen Ursachen von Mobbing und Minderwertigkeitsgefühlen nicht bekämpfen, stattdessen bestärke man die falschen Wertmassstäbe im Menschenbild.
In Deutschland hat eine mit einer „Gesichtsspalte“ geborene junge Frau namens Ilka Brühl – Nase, Augen, Stirn sehen anders aus – in den letzten Jahren eine grosse Fangemeinde von Instagram-Followern gewonnen, weil sie genau das Gegenteil macht: Nach schlimmen Erfahrungen in Kindergarten und Schule wagte sie es, an Foto-Shootings teilzunehmen, zeigte sich in Podcasts, erzählte ihre Geschichte in Stories und einem Bilderbuch. In den sozialen Netzwerken lädt sie – mit ausgesprochen positivem Echo – Menschen ein, nicht in Schwarz-Weiss-Kategorien zu denken, sondern in Graustufen. Die Leute in normal und anders einzuteilen, führe nur zu Illusionen, Abwehrmechanismen und Verletzungen. Was für ein Reichtum, wenn Vielfalt nicht mehr Angst macht, sondern interessant ist – und jeder so sein kann, wie er möchte!
