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Seit einem Jahr präsidiert Lilian Studer die Evangelische Volkspartei (EVP), seit drei Jahren vertritt sie die Partei im Nationalrat. Dort hat sich die EVP zu einer Art moralischem Kompass entwickelt – auch im Vorfeld zur Abstimmung über die AHV-Revision. 

von Anton Ladner

Lilian Studer, Ihr Leitsatz lautet «Lebensschutz, Familie, Umwelt». Was bedeutet für Sie Lebensschutz? 
Wenn ich an meinen Einsatz vor einigen Jahren beim Schutz vor Passivrauchen denke oder für die Initiative «Kinder ohne Tabak», dann hat das für mich mit Lebensschutz zu tun. Beides Bereiche, in denen die Gesundheit gefährdet ist und somit gehandelt werden musste. Allgemein Präventionsarbeit, aber auch Massnahmen gegen häusliche Gewalt gehören für mich dazu. Ich verbinde Lebensschutz aber auch mit «Menschenwürde», deshalb mein Engagement bereits im Kanton für die Palliative Care oder gegen den Menschenhandel – wofür wir uns ja auch national weiterhin stark einsetzen.  

Welche Rolle spielt das Adjektiv evangelisch heute in Ihrer Politik? 
Wir ziehen unsere Wertebasis wie zum Beispiel Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit und Menschenwürde aus dem Evangelium und es hat sicher Einfluss auf die Art und Weise, wie wir politisieren. 

5e4Die Mitte hat sich einen neuen Namen gegeben, um ein breiteres Publikum zu erreichen. Wirken heute die Begriffe evangelisch oder christlich ausschliessend?  
Vermutlich wird der Name ab und an so wahrgenommen. Aber entscheidend ist, ob politische Ausrichtung und Inhalte stimmen. Viele Menschen stimmen mit der EVP zum Beispiel auf smartvote überein, unsere Abstimmungsparolen sind oft sehr nah am Volk. Und auch unserer Art und Weise zu politisieren wird sehr geschätzt.  

Die EVP bildet im eidgenössischen Parlament mit Die Mitte eine Fraktion und wird als Zünglein an der Waage beurteilt. Ist die Fraktion ein moralischer Kompass geworden? 
Für die Fraktionsgemeinschaft kann ich es nicht beurteilen. Wir EVP-Mitglieder erhalten solche Rückmeldungen allerdings schon.  

Für die EVP und die Mitte ist die Familienpolitik ein Schwerpunkt. Wie konkret will die EVP die Situation der Familien verbessern? 
Nur zwei Beispiele: Es ist stossend, dass Verheiratete heute noch immer verfassungswidrig bei Steuern und AHV benachteiligt werden. Die Mitte lanciert nun zwei Initiativen zur Abschaffung dieser Heiratsstrafen, die EVP unterstützt sie darin vollumfänglich. Auch müssen wir die Situation der Kinderbetreuung verbessern, um Familie und Arbeit besser unter einen Hut zu bringen. Hier hat meine Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur eine Vorlage in die Vernehmlassung gegeben, um die Bundesgelder zu verstetigen und damit die Situation in den Kantonen und Gemeinden zu verbessern. Eine noch höhere Beteiligung, grundsätzlich auf allen Ebenen, wäre für uns zusätzlich wichtig. 

Die EVP schreibt, die Revision stärke die Frauen. Auf der linken Seite sieht man das ganz anders. Warum diese unterschiedliche Sicht? 
Wir schreiben, die AHV 21 sichert unsere Renten für rund zehn Jahre und wahrt die Generationengerechtigkeit. Sie stärkt somit die ganze Gesellschaft. Bis anhin haben die Frauen vom früheren Rentenalter profitiert. Auch beziehen die Frauen im Durchschnitt einige Jahre länger AHV. Die Reform ist so ausgestaltet, dass neun Jahrgänge an Frauen der Übergangsgeneration Rentenzuschläge erhalten, um nicht schlechter gestellt zu werden, insbesondere solche mit tiefen Löhnen. Ein Jahr länger arbeiten bedeutet übrigens auch ein Jahr mehr BVG-Beiträge. Die Probleme der Ungleichbehandlung der Frauen liegen nicht in der AHV, sondern unter anderem bei der Vorsorge im BVG – Stichwort hoher Koordinationsabzug. Aber auch dort ist die zwingende Reform auf dem Weg. Nur möchten die Linken die AHV-Reform bodigen, um den Druck auf die Verhandlungen beim BVG aufrechtzuerhalten. Damit habe ich Mühe. Denn wir haben eine ausgewogene Vorlage zur AHV vorliegen, über die wir jetzt abstimmen. 

Junge interessieren sich nicht für die Vorsorge, aber zunehmend für den Zustand der Welt, für den vor allem Menschen in Pension die Verantwortung tragen. Findet dadurch eine Entsolidarisierung der Generationen statt? 
Ich denke, genau das Gegenteil könnte eintreten: eine neue Solidarisierung zwischen den Generationen. Dass der Zustand der Welt den jungen Menschen sehr nahegeht, sie wütend macht und aufstehen lässt, hat auch viele Erwachsene aufgeweckt. Jetzt ist es wichtig, dieses Momentum zu nutzen und gemeinsam solidarisch die Weichen gegen den Klimawandel und für die Bewahrung der Schöpfung mit ihrer Biodiversität richtig zu stellen. Und klar, ich hatte mich als junger, noch nicht im Arbeitsprozess stehender Mensch auch nicht unbedingt für die AHV interessiert. 

Inwiefern hat sich die Umweltpolitik der EVP durch die jüngsten Ereignisse verändert?  
Uns als gesamter Gesellschaft wird langsam bewusst, wie akut die Lage ist. Die EVP kann ihre Umweltpolitik konsequent weiterführen. Die Bewahrung der Schöpfung steht bei ihr seit ihrer Gründung auf der Agenda. Das Wasserschutzgesetz von 1944 beispielsweise basiert auf einem Vorstoss der EVP. Und seit Jahren sagen wir, dass wir unabhängiger vom Ausland werden und auf einheimische erneuerbare Energien und Speichertechnologien setzen müssen. Auch für die Biodiversität oder den Schutz von Böden und Wasser setzen wir uns mit politischen Vorstössen immer wieder ein. 

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