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volodymyr hryshchenko
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Die ETH Zürich besitzt am Zürichberg ein Gästehaus, um internationale Gäste zu empfangen. Die Villa Hatt ist ein Legat der Bauunternehmer-Familie Hatt 

Anton Ladner

Vielleicht liegt es daran, dass Laurent Perrenoud von Frauen «regiert» wird. Zu Hause bestimmen seine vier Töchter und seine Frau den Alltag, im Berufsleben als Gastgeber der Villa Hatt ist es eine Vorgesetzte. Laurent Perrenoud hat sein Metier von der Pike auf gelernt. Nach einer Kochlehre absolvierte er mehrere Weiterbildungen zum Gastromanager. Kochen kann er immer noch gut, wenn es ein intimer Anlass im ETH-Gästehaus erfordert. Denn für die Seminare, Sitzungen, Empfänge und Events in der Villa Hatt, an denen bis zu 70 Personen teilnehmen können, wird auf Catering gesetzt. «Wir verfügen über ein ausgezeichnetes Netz an Zulieferern für einen reibungslosen Betrieb», sagt Perrenoud. Ihm stehen für diese Aufgaben sieben Teilzeitangestellte zur Verfügung, was knapp 400 Stellenprozent entspricht. Denn in der Villa Hatt finden pro Jahr 175 Anlässe statt, in der Regel mit Verpflegung – vom Stehlunch bis zum Dinner. «Wir sind ein Sieben-Tage-Betrieb.» Das zeigt: Die Villa Hatt ist eine Visitenkarte der ETH mit weltweiter Ausstrahlung. Die Aussicht auf das ETH-Hauptgebäude, den See und die Alpen ist grossartig und die Bausubstanz in der Gartenanlage imposant. «Ja, hier treffen sich Nobelpreisträger und Koryphäen, Industrielle, die die ETH unterstützen, und Donatoren.» Dabei konnte Perrenoud beobachten, dass internationale Berühmtheit in der Wissenschaft den Menschen recht bescheiden macht. 

Untergebracht werden die Besucher teilweise in der Villa Hatt, die über sechs Gästezimmer für Kurzzeitbesucher und drei Studios für längere Aufenthalte verfügt. Zudem werden von der Villa Hatt aus knapp 60 möblierte Wohnungen im ETH-Bestand verwaltet, die an neue ordentliche Professoren vermietet werden, bis sie innerhalb von maximal zwei Jahren eine fixe Wohnung gefunden haben.  

Zur Villa Hatt kam die ETH durch ein Legat der Bauunternehmer-Familie Hatt. Der Zürcher Bauunternehmer Hatt, 1878 in einfachen Bauernverhältnissen geboren, absolvierte eine Maurerlehre und begab sich 1897 auf Wanderschaft in Österreich, Deutschland und den Niederlanden. 1902 gründete er sein Baugeschäft in Zürich und wurde für die Freisinnigen aktiv. Bereits in den 1920er-Jahren gehörte Heinrich Hatt durch den frühen Einsatz von moderner Bautechnik zu den grössten Bauunternehmern der Schweiz. Sein Spektrum umfasste Wohnungsbau, Fabriken und öffentliche Bauten wie die Nationalbank, den Bahnhof Enge, Strassen- und Eisenbahnbrücken, Staumauern und Kraftwerkanlagen. In den Dreissigerjahren beteiligte er sich gesamtschweizerisch an Grossprojekten, darunter das Palais des Nations in Genf. 1982 ging das Bauunternehmen Hatt mit 1000 Angestellten in der Zschokke Holding auf. 

Nutzungsrecht der ETH
1927 zog die Familie Hatt in die neu erstellte Villa an der Freudenbergstrass, wo der Patron 13 Jahre bis zu seinem frühen Tod mit 62 lebte. Seine Schwiegertochter Lou Hatt übertrug die Immobilie 2003 durch ein Legat der ETH mit der Auflage, die Villa weiter zu nutzen. Diese Verpflichtung war jedoch nicht einfach umzusetzen, weil der schlechte Zustand der Bausubstanz nach einer umfassenden Sanierung verlangte. Lou Hatt vermachte der ETH deshalb auch Bargeld, um diese umfassenden Eingriffe zu finanzieren. Der Umbau für drei Millionen Franken verlangte nach einem umsichtigen Umgang mit der  denkmalgeschützten Bausubstanz, denn der herrschaftliche und gepflegte Charakter sollte beibehalten werden. Das Tragwerk des Untergeschosses musste erneuert werden und die elektrischen Installationen wurden komplett ersetzt. Die Planungen für die Sanierungen begannen 2005 und 2008 erstrahlte der Bau in neuem Glanz.
 

Die Villa steht heute einem «ETH-nahen Personenkreis für geschäftliche Zwecke zur Verfügung», so die Umschreibung. In erster Linie sind dies die Mitglieder der ETH-Schulleitung, der ETH-Foundation oder des ETH-Rats, aber auch Institute und Anstalten wie die EMPA. Die Dienstleistungen des Gästehauses erfolgen jedoch nicht gratis, sie werden in Rechnung gestellt. «Wir versuchen, selbsttragend zu sein, und schreiben eine schwarze Null an», sagt Laurent Perrenoud mit etwas Stolz. Denn achtsames Haushalten bei grossen Ansprüchen bleibt eine permanente Herausforderung. Und er ist sich sicher, die Auflage der Gründerfamilie Hatt als Gastgeber zur vollen Zufriedenheit zu erfüllen.  

 

 

BESICHTIGUNG 
Im Rahmen der Public Tours der ETH kann die Villa Hatt besichtigt werden. Weitere Informationen und Anmeldung unter tours.ethz.ch 

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