Die Nachhaltigkeit: Gleichgewicht und Realismus
Nachhaltigkeit ist ein zentraler Wert und wird gerne von verschiedensten politischen Kreisen oder in der Öffentlichkeit gebraucht. Sie gehört auch zur Landwirtschaft, denn sie ist ein wichtiges Fundament für den Erhalt einer lebendigen und produzierenden Landwirtschaft mit Bauernfamilien. In diesem Sinne kann sie nicht nur auf ökologische Ideale beschränkt werden. Sie muss eine ausreichende Produktion mit einer optimalen Balance zwischen ökologischen, ökonomischen und sozialen Aspekten ermöglichen.
Die beiden Agrar-Initiativen, über die im Juni abgestimmt wird, betreffen auch die Nachhaltigkeit. Sie stellen unsere Verantwortung als reiches Land infrage, zwischen Ökologie und Realismus. Laut FAO (1) umfasst das Konzept der Nachhaltigkeit viel mehr als nur den Erhalt der Grundlagen der natürlichen Ressourcen. Um nachhaltig zu sein, muss die Landwirtschaft die Bedürfnisse heutiger und zukünftiger Generationen nach ihren Produkten und Dienstleistungen erfüllen und dabei ein Gleichgewicht zwischen den drei Aspekten, die sie ausmachen, sicherstellen. Nachhaltigkeit heisst Ökologie, Ökonomie und Soziales. Mit anderen Worten: Das primäre Ziel der Landwirtschaft ist es, ausreichend und optimal Nahrung bereitzustellen.
Ohne Änderung des Konsums müssten wir 200 000 Hektar im Ausland «kolonisieren». Wir müssten dann mehr Rindfleisch aus Brasilien, Poulets aus Osteuropa oder Palmöl aus Asien importieren.
Nachhaltigkeit heisst für uns, genügend Nahrungsmittel auf optimale Weise zu produzieren. Die Konsumentinnen und Konsumenten können schon heute mit ihrem Kauf entscheiden, welche Lebensmittel und somit welche Art von Produktion sie bevorzugen: Qualität, Regionalität, Tierschutz/Tierwohl oder günstigster Preis. Weil ich meine Verantwortung als Bürgerin wahrnehme und weil Nachhaltigkeit für mich Priorität hat, werde ich am 13. Juni zwei Mal mit Nein stimmen.
Anne Challandes ist Präsidentin des Schweizerischen Bäuerinnen- und Landfrauenverbands SBLV.
Die Argumente der Befürworterinnen und Befürworter vertritt in der nächsten Ausgabe Ursula Schneider Schüttel, Nationalrätin SP und Präsidentin von Pro Natura.
*In dieser Rubrik wirft jede Woche eine prominente Persönlichkeit einen achtsamen Blick auf die Schweiz und beschreibt aus ihrer Sicht, was zählt. Diese Meinung muss sich nicht mit derjenigen der Redaktion decken.

