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Anne Challandes
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Mein achtsamer Blick:

Nadja Brodmann, Zoologin und Co-Geschäftsleiterin des Zürcher Tierschutz 

 

Medikamente als «Futterzusatz» für Masthühner

Die Massentierhaltungsinitiative betrifft nur wenige Grossbetriebe, darunter viele mit Geflügelmast. Die heutigen Tierschutzvorschriften erlauben ihnen, bis zu 27 000 Masthühner auf engstem Raum zusammenzupferchen. Dadurch steigt der Keimdruck, also das Risiko von Krankheiten. In der konventionellen Geflügelmast werden den Tieren daher routinemässig Medikamente verabreicht. Bei diesen Futterzusätzen handelt es sich um Kokzidiostatika, die ähnlich wirken wie Antibiotika. Kokzidien sind Einzeller, die schwere Darmerkrankungen auslösen können. Beim Geflügel treten sie besonders häufig auf und führen oft zu blutigem Durchfall bis hin zum Tod. Legehennenküken und Bio-Mastküken werden dagegen geimpft, nicht jedoch die konventionellen Mastküken. Diese leben so kurz, dass sich eine Impfung nicht lohnt. Es ist billiger und einfacher, dem konventionellen Mastfutter standardmässig Kokzidiostatika beizumischen. 

Wie bei Antibiotika können auch bei Kokzidiostatika Resistenzen auftreten. Um der Problematik vorzubeugen, werden die Wirkstoffe regelmässig gewechselt. Und da im Pouletfleisch keine nennenswerten Rückstände nachgewiesen wurden, haben viele der Medikamente keine Absetzfrist und können vom ersten bis zum letzten Lebenstag verabreicht werden. Fakt ist: Die konventionelle Geflügelmast funktioniert nicht ohne Medikamente, weil die Verluste zu hoch wären.  

Die industrielle Tierproduktion hat aber noch ganz andere Folgen. In Ställen mit Tausenden von Masthühnern ist die Tierkontrolle erschwert. Kranke oder verletzte Tiere werden trotz Kontrollgängen nicht sofort entdeckt. Umso länger leiden die betroffenen Tiere. Zudem wachsen die Hochleistungshühner so schnell, dass Beinschäden vorprogrammiert sind und sich die Tiere zuletzt kaum mehr fortbewegen können.
Präventive Medikamente sind bei Bio Suisse verboten. Stattdessen setzen Biobetriebe auf geimpfte Küken, kleinere Gruppen bis 500 Mastpoulets, mehr Platz im Stall und viel Freilauf – dies fördert das Tierwohl und stärkt das Immunsystem. Um Kokzidien und anderen Erregern vorzubeugen, ist Wechselweide vorgeschrieben. Zudem werden robuste, langsam wachsende Zuchtlinien eingesetzt, die bis zuletzt fit bleiben. All dies verteuert das Bio-Pouletfleisch – dafür ist es tierschützerisch vertretbar. Wie immer die Abstimmung über die Massentierhaltungs-Initiative ausfällt, entscheidend ist die Nachfrage. Konsumentinnen und Konsumenten entscheiden an der Kasse, wieviel ihnen Tierschutz, dieeigene Gesundheit und ein  gutes Gewissen wert sind. 

Nadja Brodmann ist Zoologin und Co-Geschäftsleiterin des Zürcher Tierschutz.

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