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Anne Challandes
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Mein achtsamer Blick:

Dr. Sabine Basler ist Geschäftsführerin beim Verband Tel 143 Die Dargebotene Hand

Richtig zuhören kann Leben retten   

 «Du verstehst mich einfach nicht!», «Wie oft habe ich dir das schon gesagt?», «Hörst du mir überhaupt zu?»: Sätze, die jede:r sicher schon einmal gehört – oder gesagt – hat. Beziehungen können wunderschön und bereichernd, aber auch die Hölle sein. Wenn es nicht gut läuft, sind wir schnell bei Schuldzuweisungen und werden zu Hobby-Psychologen. Wir attestieren dem Gegenüber Beziehungsunfähigkeit, Egoismus oder einen Mangel an Kommunikation. Selbst sind wir völlig ok, und «nein, eine Therapie brauch ich nicht».  

Und so zerbrechen Beziehungen – manchmal leise und über viele Jahre hinweg, oft genug auch lautstark und unter Anwendung von Drohungen und Gewalt. Gerade die Corona-Pandemie hat zu vielen Zerwürfnissen geführt, weil der Frust über Einschränkungen bzw. Solidaritätsmangel zu gross wurde. Ein Riss geht durch unsere Gesellschaft. Die Frage, wie sich dieser kitten lässt, steht im Raum. Nur wer sich getragen und respektiert fühlt, kann Schritte hin zu anderen wagen, die befreien und weiterbringen. Eine weitere Voraussetzung dazu ist das Zuhören. 

Zuhören ist eine besondere Kunst: voll präsent sein, zwischen den Zeilen lesen, auch wenn das Gegenüber von einer Realität erzählt, die einem fremd ist. Menschen, die wirklich zuhören können, sind ein grosses Geschenk. In Michael Endes Märchenroman «Momo» ist die Hauptfigur ein Mädchen, das eine besondere Gabe besitzt: Sie kann sehr gut zuhören. So gut, dass der alte Strassenkehrer Beppo und der Geschichtenerzähler Gigi aufblühen, weil Momo sie versteht und in ihre Herzen hineinhört. Vielleicht lesen Sie dieses Buch (noch) einmal oder schenken es Ihren Enkeln und Patenkindern? 

Wer «Momo» kennt, weiss, dass eines Tages die grauen Herren auftauchen und die Menschen dazu bringen möchten, Zeit zu sparen. Doch gerade der Blick auf die Uhr, unsere vollen Agenden und eigenen Vorstellungen von einem guten Leben führen manchmal dazu, dass wir nur halb zuhören. Oder, auf der anderen Seite, niemanden finden, der uns richtig zuhört. In solchen Fällen kann ein Gespräch mit den gut ausgebildeten Freiwilligen der Dargebotenen Hand ein Lichtblick sein. Wie bei vielen körperlichen Erkrankungen gilt es, «lieber zu früh als zu spät» Hilfe zu holen – man muss nicht völlig am Ende sein, wenn man sich an Tel 143 wendet. 

Von Herzen wünsche ich Ihnen, dass Sie in starken Beziehungen leben und immer wieder Freude daran finden, diese zu gestalten und zu pflegen. Und dass Ihre Agenda nie zu voll ist, um einem Menschen in Not zuzuhören.  

Dr. Sabine Basler ist Geschäftsführerin beim Verband Tel 143 Die Dargebotene Hand. 

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