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Anne Challandes
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Mein achtsamer Blick:

 

Tobias Karcher,
Leiter des Lassalle-Bildungshaus

In die Stille gehen, lauschen und in Resonanz kommen 

Auf welche Resonanz stösst bei Ihnen das Wort «Nachhaltigkeit»? Bei uns im Lassalle-Haus fällt es zunächst in die Stille, in die wir unsere Gäste auf unseren christlichen oder östlichen spirituellen Wegen einführen. Es ist jedoch eine Stille, die ins Handeln führt. Wenn Sie am Ende Bad Schönbrunn verlassen, werden Sie den Schriftzug «Der Weg beginnt jetzt» entdecken. 

Auch bei der sozial-ökologischen Transformation geht es um das Handeln und um Wirksamkeit. Vier Handlungsoptionen werden aktuell mit Blick auf Wirtschaft und Gesellschaft diskutiert. Mittels der Marktoption soll der Emissionshandel und so der CO2-Ausstoss reguliert werden. Die Technologieoption setzt auf Lösungen durch Entwicklung und Forschung, wie zum Beispiel auf emissionsfreien Zement. Die Staatsoption fordert hilfreiche staatliche Anreize. Die Demokratieoption schliesslich betrifft uns Bürgerinnen und Bürger. Hier braucht es Mitsprache und Teilhabemöglichkeiten für eine breite Bevölkerung, wie zum Beispiel Zukunftsräte. Doch welche inneren Haltungen sind dazu notwendig, damit Menschen ins Handeln zu kommen? Interessant, dass bei zeitgenössischen Religionsvertretern und Philosophen ähnliche Analysen und Handlungsoptionen vorgelegt werden. In der von Papst Franziskus im Mai 2015 veröffentlichten Umwelt- und Sozialenzyklika «Laudato Si‘» ist die Hauptbotschaft die enge Verknüpfung der zwei zentralen Herausforderungen unserer Zeit: Umweltzerstörung und wachsende Armut. Seine Analyse: Wir hätten es verlernt, Welt, Natur und Menschen als Beziehungsgeflecht zu begreifen und zu leben. Die Gefahr sei, dass Markt und Technologie den Menschen und die Natur zum Objekt reduzieren würden. Eine ähnliche Betrachtung legt der Soziologe und Politikwissenschaftler Harmut Rosa vor, der an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena lehrt, mit seiner Analyse der Moderne. Unablässig habe der Mensch versucht, die Welt in Reichweite zu bringen. Alles, was erscheine, müsse gewusst, beherrscht, erobert und nutzbar gemacht werden. Damit sei dem Menschen der Moderne viel an Zuwachs von Wissen und Können gelungen. Aber die zugrunde liegende Beziehungsqualität zur Welt und zu den Mitmenschen habe darunter gelitten.  

Voraussetzung dafür, dass eine Beziehung der eigenen Person zur Welt entstehen könne, sei die Resonanzfähigkeit, so Rosa. Es genügt also nicht, dass ich auf die Welt zugreife. Wenn ich nur die Welt benutze, wird in dieser einseitigen Beziehung die Welt um mich herum verstummen. Eine Resonanz setzt voraus, dass ich mich überraschen lasse von unerwarteten Begegnungen. Ich erinnere mich, wie mir Menschen von ihren biografischen Wendepunkten berichten, höre, wie andere sie fasziniert haben, wie ein Buch sie gepackt, eine Landschaft sie berührt hat. Wie ihr Leben dadurch anders verlaufen ist. Vielleicht ist aber alles auch viel alltäglicher. So wie mit unserer Hauskatze. Ich erfahre ihr Schnurren und ihre Zutraulichkeit gerade deshalb als genuines Resonanzgeschehen, weil sie sich auch entziehen kann. In die Stille gehen. Lauschen. In Resonanz kommen. Und ins Handeln – eine Einladung an jede und jeden Einzelnen von uns.  

Tobias Karcher ist Jesuit und leitet das Lassalle-Bildungshaus Bad Schönbrunn in Edlibach bei Zug. 

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